Rozprawa Sakskeho statneho knježerstwa wo połoženju serbskeho luda (z lěta 2009)


Sächsischer Landtag 4, Wahlperiode

Unterrichtung

durch die        Staatsregierung

Titel


 

DRUCKSACHE 4/14873


 


Bericht der Sächsischen Staatsregierung zur Lage des sorbischen Volkes

[gemäß § 7 des Gesetzes über die Rechte der Sorben im Freistaat Sachsen (Sächsisches Sorbengesetz SächsSorbG)]

  Eingegangen am: 26.02.2009                             Ausgegeben am: _04.03.2009             


SÄCHSISCHES

ST AA TSMINISTERlUM FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST

DIE STAATSMINISTERIN

SÄCHSISCHES STAATSMINISTERlUM FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST Postfach 100920·01079 Dresden


 


Herrn Landtagspräsidenten Erich IItgen, MdL

Sächsischer Landtag

Bernhard-von-Lindenau-Platz 1

01067 Dresden  


 

Dresden, den ~s-. 0′;- 0 J Aktenzeichen: 2-7202.00/4-45


 


 

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,

 

beigefügt übersende ich Ihnen namens und im Auftrag der Staatsregierung den dritten Bericht zur Lage des sorbischen Volkes. Er dokumentiert den erreichten Stand bis zum 1. Oktober 2008.

 

Da es insbesondere zum Abkommen über die gemeinsame Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk (Finanzierungsabkommen) seit dem Redaktionsschluss noch weitere wichtige Entwicklungen gab, teile ich nachfolgend den aktuellen Sachstand mit.

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat am 20. November 2008 in seiner Bereinigungssitzung zum Bundeshaushaltsentwurf für das Jahr 2009 eine Erhöhung des Bundeszuschusses an die Stiftung für das sorbische Volk in Höhe von 600.000 Euro beschlossen.

Der Bund trägt damit auch der Forderung Sachsens nach einer stärkeren Beteiligung Rechnung. Gleichzeitig beschloss der Ausschuss, die Mittel zunächst mit der Bemerkung zu sperren, dass die an der Finanzierung beteiligten Länder Sachsen
und Brandenburg ihren Förderanteil ebenfalls entsprechend erhöhen. Der

 

WigardstraOe 17 • 01097 Dresden‘ Telefon (0351) 5 64 60 00 • Telef •• (03 51) 5646004 Internet: www.smwk.sacblcQ.de • E-Mail: smin@smwk.sachscn.de

Kein Zugang mr elehronisch signierte sowie fOr verschlüsselte elehronische Dokumente

Zertifikat seit 1001 ludlt berutitndfamille


2

Bundeshaushalt 2009 wurde am 28. November 2008 vom Deutschen Bundestag beschlossen.

Sachsen wird gemäß seinem Haushaltsplan 2009/2010 seinen Anteil ab 2009 jährlich um 100.000 Euro erhöhen. Der Freistaat hat zudem eine weitere Erhöhung seines Beitrags in Aussicht genommen, wenn dies der Aufhebung der Sperre des Bundes dient. Für den Haushaltsplan 2009 der Stiftung für das sorbische Volk haben Sachsen und Brandenburg an lässlich der Stiftungsratssitzung am 14. Januar 2009 bereits die Absicht bekundet, eine der Erwartung des Bundes entsprechende Erhöhung vorzunehmen (Sachsen um 400.000 EUR und Brandenburg um 200.000 EUR) und im Jahr 2009 ein Finanzierungsabkommen abzuschließen. Die Verhandlungen zum Finanzierungsabkommen von Bund, Sachsen und Brandenburg sind nun auf einem guten Weg und sollen möglichst im ersten Halbjahr 2009 zum Abschluss gebracht werden. Ein erstes weiterführendes Gespräch zwischen den Zuwendungsgebern fand im Vorfeld der Stiftungsratssitzung am 14. Januar 2009 statt.

Vor diesem Hintergrund haben die Vertreter des sorbischen Volkes ihre Arbeit im Stiftungsrat in dessen Sitzung am 14. Januar 2009 wieder aufgenommen. Die kooperative Zusammenarbeit aller für die Stiftung Verantwortlichen muss nun intensiv fortgesetzt werden. Nur so wird es möglich sein, in den kommenden Monaten ausgewogene Entscheidungen im Interesse aller Beteiligten zu fällen und den Haushalt der Stiftung entsprechend zu konsolidieren.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Eva-Maria-Stange

Anl.: Bericht


1. 1.1 1.2 13  1.4

2. 2.1. 2.1.1 2.1.2 2.1.3 2.1.4 2.2.

2.2.1 2.2.2 2.2.3 2.2.4 2.2.5 2.2.6

2.3 2.4. 2.4.1 2.4.2 2.4.3 2.4.4


 

Bericht der Sächsischen Staatsregierung zur Lage des sorbischen Volkes

Redaktionsschluss: 01.10.2008

Vorbemerkung

Rahmenbedingungen für das sorbische Volk Minderheitenschutz auf europäischer Ebene Minderheitenschutz auf Bundesebene

Verfassung, Gesetze und sonstige Vorschriften im Freistaat Sachsen
Verhandlungen zur Novellierung des Abkommens über die gemeinsame Fi
­nanzierung der Stiftung für das sorbische Volk (Finanzierungsabkommen)

Lage des sorbischen Volkes

Bürger sorbischer Volkszugehörigkeit Bekenntnis zum sorbischen Volk Sorbische Sprache und Zweisprachigkeit Sorbische Familie

Religiosität

Vertretung der sorbischen Interessen in beratenden sowie beschluss­fassenden Gremien (politische Arbeit der Sorben)

Rat für sorbische Angelegenheiten des Freistaates Sachsen Sorbische Wählervereinigungen sowie Mandate von Parteien Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V.

Zusammenarbeit mit Minderheiten in Europa

Wahrnehmung sorbischer Belange in den Exekutivorganen

Wahrnehmung sorbischer Belange im Landesbildungsrat und im LandeseItern­rat Sachsen

Stiftung für das sorbische Volk Erziehung, Bildung und Wissenschaft Kindertagesei nrichtungen

Schulen

Berufliche- und Hochschulbildung Wissenschaft und Forschung


 

S.3

S.6 S.10 S.12 S.15

S.17 S.17 S.19 S.21 S.22 S.24

S.24 S.25 S.26 S.27 S.29 S.30

S.32 S.38 S.38 S.41 S.48 S.50


2.4.5 2.4.6 2.5 2.6 2.7. 2.7.1 2.7.2 2.7.3 2.7.4 2.8. 2.8.1 2.8.2 2.8.3 2.9 2.10

2.11

3.


 

2

Sorbisch innerhalb der Erwachsenenbildung Bibliotheken

Jugend

Medien

Kultur

Sorbische kulturelle Einrichtungen Gemeinnützige Vereine

Kunst

Volkskunst und Brauchtum

Wirtschaft, Landwirtschaft, Natur, Planung und Tourismus Wirtschaftliche Entwicklung

Landes- und Regionalplanung

Tourismus

Sozialarbeit

Förderung der Toleranz zwischen Bürgern deutscher und sorbischer Volkszu-

gehörigkeit

Wahrung der Rechte der Sorben (Wenden) in der Niederlausitz und Zusam­menarbeit zwischen dem Land Brandenburg und dem Freistaat Sachsen in sorbischen Angelegenheiten

                                                 Ausblick ……………………………………………………………………………..


 

S.53 S.54 S.55 S.57 S.60 S.60 S.63 S.64 S.65 S.67 S.68 S.72 S.75 S.77 S.78

S.81

S.83


 


  Anhang ……………………………………………………………………………………………….     S.86

               Bestehende WIT AJ-Kindertagesstätten und -Gruppen ……………………….        .

               WITAJ-Kindertagesstätten in Trägerschaft des Sorbischen Schulvereins eV                .

               WITAJ-Gruppen anderer Träger …………………………………………………… .


3

Vorbemerkungen

Die Sächsische Staatsregierung legt gemäß § 7 des Gesetzes über die Rechte der Sorben im Freistaat Sachsen (SächsSorbG – SächsGVBI vom 30.04.1999 S. 161) den dritten Bericht zur Lage des sorbischen Volkes im Freistaat Sachsen vor. Der Bericht hat die Fortschrei­bung des dem Sächsischen Landtag von der Sächsischen Staatsregierung vorgelegten zwei­ten Berichts zur Lage des sorbischen Volkes zum Ziel und knüpft an diesen an. Erläuterun­gen zu gesetzlichen Grundlagen. Rahmenbedingungen und geschichtlichen Hintergründen. die in den Berichten von 1998 und 2003 ausführlich behandelt wurden. werden im vorliegen­den Bericht nicht vollständig wiederholt. Damit legt dieser Bericht seinen Schwerpunkt auf die Entwicklung seit 2003 sowie die derzeitige Lage des sorbischen Volkes. Bei im Vergleich zu 2003 gleich gebliebenem Sachstand sind die Ausführungen so kurz wie möglich gehalten. Es wird an solchen Stellen auf die vorherigen Berichte verwiesen.

Die Sorben sind eine im Freistaat Sachsen und im Land Brandenburg lebende nationale Minderheit. Kleine Völker innerhalb eines Gesamtstaates werden meist als nationale Minder­heiten bezeichnet. Nationale Minderheiten sind in Deutschland Gruppen deutscher Staats­angehöriger. die im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland traditionell – teilweise seit Jahr­hunderten – heimisch sind und in ihren angestammten Siedlungsgebieten leben. Sie unter­scheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache. Kultur und Geschichte. also eigene Identität. In der Bundesrepublik werden als nationale Minderheiten nur Gruppen der Bevölke­rung angesehen. die folgenden Kriterien entsprechen:

– ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige,

– sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität

– sie wollen diese Identität bewahren

– sie sind traditionell in Deutschland heimisch

– sie leben hier in angestammten Siedlungsgebieten

– sie sind der Mehrheitsbevölkerung gegenüber in der zahlenmäßigen Minderheit

Im Gegensatz zu anderen kleinen Völkern und Volksgruppen in Europa haben die Sorben keinen außerhalb der Grenzen Deutschlands liegenden Heimatstaat. der sie materiell. aber auch sprachlich. kulturell und identitätsstiftend unterstützen könnte. Der Heimatstaat der Sorben ist die Bundesrepublik Deutschland. Die das sorbische Volk charakterisierenden schöpferisch geistigen Leistungen werden von ihm selbst erbracht. Aufgrund ihrer geringen Zahl im Kreise der Mehrheitsbevölkerung (in Sachsen und Brandenburg zusammen etwa


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60.000) benötigen die Sorben Schutz und Förderung sowie Anerkennung und Wertschät­zung durch den Gesamtstaat.

Die Aufgabe von Minderheitenpolitik besteht darin, solche Rahmenbedingungen zu schaffen, die Minderheiten uneingeschränkt die gleiche Lebensqualität ermöglichen wie der Mehrheit. Wenn die Minderheit und die Mehrheit tolerant und gleichberechtigt miteinander leben, ist erfolgreiche Minderheitenpolitik verwirklicht.

Mit der Ratifizierung des Rahmenübereinkommens des Europarates vom 01.02.1995 zum Schutz nationaler Minderheiten hat sich die Bundesrepublik Deutschland zum Schutz und zur Förderung der nationalen Minderheiten und weiteren traditionell in Deutschland heimi­schen Volksgruppen verpflichtet. Der Freistaat Sachsen bekundet in den Artikeln 2, 5 und 6 seiner Verfassung das Landesinteresse am Schutz und Erhalt des sorbischen Volkes, der einzigen autochthonen ethnischen Minderheit in Sachsen. Mit diesen Vorgaben hat die Min­derheitenpolitik gegenüber dem sorbischen Volk den Rang eines staatlichen Auftrages.

Als Bürger des Freistaates Sachsen erwarten die Sorben von diesem, dass die Bewahrung der sorbischen Identität sowie die Pflege und Entwicklung der sorbischen Sprache, Kultur und Überlieferung als gesamtgesellschaftliches Anliegen anerkannt und gefördert wird.

Zum sorbischen Volk gehören die im Freistaat Sachsen in der Oberlausitz lebenden Ober­sorben und die im Land Brandenburg in der Niederlausitz lebenden Niedersorben. Gemäß der staatlichen Zuständigkeit bezieht sich der Bericht auf die Lage des im Freistaat Sachsen lebenden Teils des sorbischen Volkes. Da das Land Brandenburg seine staatliche Zustän­digkeit für die Rechte der Niedersorben in mehrfacher Hinsicht anders regelt, wird auf die Zusammenarbeit mit dem Land Brandenburg unter Punkt 2.11 eingegangen. Aufgrund der vielfältigen Verbindungen und Parallelen zwischen den Sorben über die Ländergrenzen hin­weg wird bei der Beurteilung der Lage des sorbischen Volkes teilweise auf eine strenge Trennung zwischen Ober- und Niedersorben verzichtet. Dies wird jedoch im Bericht in der Regel nicht besonders hervorgehoben.

An der Erarbeitung des Berichtes wurden neben den sächsischen Staatsministerien die Do­mowina – Bund Lausitzer Sorben e.V., die Stiftung für das sorbische Volk sowie das Evange­lische und das Katholische Büro Sachsen beteiligt. Allen, die an der Entstehung dieses Be­richtes mitgewirkt haben, sei dafür an dieser Stelle gedankt.


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Schließlich wird noch darauf hingewiesen, dass einzelne Sachverhalte mehrmals im Bericht erscheinen. Solche Wiederholungen ergeben sich aus dem jeweiligen Sachzusammenhang. Sofern grammatisch maskuline Personenbezeichnungen (z. B. Sorben) verwendet werden, gelten sie gleichermaßen für Personen weiblichen und männlichen Geschlechts.


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            1.         Rahmenbedingungen für das sorbische Volk

            1.1       Minderheitenschutz auf europäischer Ebene

In den 27 Staaten der Europäischen Union gibt es über 60 Sprachen, die im täglichen Leben verwendet werden. Diese sprachliche Vielfalt verdankt die EU auch den ethnischen Minder­heiten in nahezu allen Mitgliedsstaaten. Hinzu kommt die Völkervielfalt der osteuropäischen Länder. Daher ist der Minderheitenschutz notwendig, um einerseits die kleineren Völker zu bewahren und ihnen nach dem Gebot des Gleichheitsgrundsatzes angemessene Rechte zu gewähren und um andererseits Konflikte zu vermeiden.

Auf europäischer Ebene erfolgt der Minderheitenschutz insbesondere auf der Grundlage folgender Übereinkommen:

– Artikel 14 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) von 1950

– Dokumente der UNO

– Dokument des Kopenhagener Treffens der OSZE (früher: KSZE) vom 29. Juni

1990

– Rahmenübereinkommen . des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten

vom 01. Februar 1995

– Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarates vom 05. November 1992.

Der neue Europäische Verfassungsvertrag (Vertrag von Lissabon) legt in Artikel 2 der Präambel fest, dass die Werte, auf die sich die Union gründet u.a. die Wahrung der Men­schenrechte einschließlich der Rechte von Personen, die Minderheiten angehören, umfas­sen. ARTIKEL 21 („Nichtdiskriminierung“) der Europäischen Grundrechtecharta, die Be­standteil des Europäischen Verfassungsvertrages ist, verbietet u. a. die Diskriminierung we­gen Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit. ARTIKEL 22 bezieht sich auf die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen („Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religio­nen und Sprachen“). Der Ratifikationsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Diese Regelun­gen dokumentieren den Willen der EU-Mitgliedsstaaten, die Minderheiten zu schützen und ihnen die gleichen Rechte zu gewähren wie den jeweiligen Mehrheitsbevölkerungen.


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Die Bundesrepublik Deutschland hat das Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten ratifiziert und das diesbezügliche Vertragsgesetz vom 22.Juli 1997 verkündet. Das Vertragsgesetz beinhaltet als neue zusätzliche Regelung ein Minder­heiten-Namensänderungsgesetz. Nach diesem sind die berechtigten Personen befugt, ans­telle des ihnen vom deutschen Recht zugewiesenen Namens unter bestimmten Vorausset­zungen einen Namen in der Minderheitensprache anzunehmen. Das Rahmenübereinkom­men des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten wird auch auf die dänische Min­derheit in Deutschland und die Volksgruppen der Friesen und der Sinti und Roma deutscher Staatsangehörigkeit angewandt.

Der zweite Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Absatz 1 des Rah­menübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten wurde im Jahr 2004 beim Europarat vorgelegt. Darin wird für jeden Artikel des Übereinkommens detailliert aufgeführt, wie für das jeweilige kleine Volk oder die jeweilige Volksgruppe die dort enthalte­nen Bestimmungen umgesetzt sind. Auf der Grundlage dieses Berichtes besuchten Mitglie­der des Beratenden Ausschusses (ACFC – Advisory Committee of the Framework Conventi­on) im Jahr 2006 die Bundesrepublik Deutschland, u.a. auch Bautzen und trafen hier am 12.01.2006 mit Vertretern von sorbischen, kommunalen und Regierungsvertretern des Freis­taates Sachsen zusammen. Am 01.03.2006 verabschiedete das Gremium eine zweite Stel­lungnahme, der im sei ben Jahr eine Antwort durch die Bundesrepublik Deutschland folgte. Dieser zweite Monitoringzyklus wurde durch eine Erklärung des Ministerkomitees des Euro­parates vom 07.02.2007 abgeschlossen.

Der dritte Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Absatz 1 des Rahmen­übereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten wird derzeit erarbei­tet.

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ist von der Bundes­republik Deutschland am 05.11.1992 unterzeichnet worden. Mit der Charta sind die von den Vertragsstaaten beim Europarat angemeldeten Sprachen im europäischen Rahmen als ei­genständige Sprachen benannt und erfahren damit internationalen Schutz und Anerkennung. Die Charta sieht zwei Kategorien der Regional- oder Minderheitensprachen vor:

Teil 11 der Charta sind Sprachen zugeordnet, für die allgemeine Kriterien als regionale oder Minderheitensprache zutreffen. Für diese Sprachen gelten allgemeine Schutzbestimmungen.

Für Sprachen nach Teil 111 der Charta sind besondere Schutzbestimmungen vorgesehen. Die Vertragsstaaten müssen hierzu angeben, welche Einzelverpflichtungen aus einer vorge-


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gebenen Liste verschiedenartiger Bestimmungen sie übernehmen können und wollen. Wenn mindestens 35 Positionen aus dieser Liste erfüllt sind, erfolgt die Anmeldung nach TeilII!.

Unter Mitwirkung der Sächsischen Staatsregierung sowie der brandenburgischen Landes­regierung wurden beide sorbischen Schriftsprachen – Obersorbisch und Niedersorbisch ­nach Teil 111 der Charta angemeldet.

Durch Gesetz vom 09.07.1998 hat der Deutsche Bundestag mit Zustimmung des Bundesra­tes der Charta zugestimmt. Die Charta ist am 01.01.1999 in Deutschland in Kraft getreten. Nach dem Vertragsgesetz gilt die Charta in Deutschland als Bundesgesetz, das nachrangi­ges Recht bricht und gegenüber sonstigen Bundesgesetzen grundsätzlich als das speziellere Gesetz anzuwenden ist. Die Anmeldung von Ober- und Niedersorbisch ist nicht gleichbedeu­tend mit einer Übernahme finanzieller Verpflichtungen des Staates, aber sie erfordert eine regelmäßige Berichterstattung über die laufende Erfüllung der in der Charta benannten Schutzbestimmungen.

Der erste Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 15 Absatz 1 der Europä­ischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen wurde im Jahr 2000, der zweite im Jahr 2004 beim Europarat vorgelegt. Der dritte Bericht wurde im Frühjahr 2007 vorgelegt.

Bezug nehmend auf diese Berichte (zweiten sowie teilweise bereits den dritten Bericht) er­folgte eine Evaluierung durch einen Sachverständigenausschuss des Europarates in der Bundesrepublik Deutschland. Der Ausschuss war im Rahmen einer Monitoringreise am 05.11.2007 zu Gesprächen mit sorbischen, kommunalen und Regierungsvertretern des Freistaates Sachsen in Bautzen. Dabei interessierten den Expertenausschuss insbesondere konkrete Maßnahmen zur Durchsetzung der von Sachsen übernommenen Verpflichtungen sowie Fragen der Bildung und Erziehung in sorbischer Sprache und die Anwendung der sor­bischen Sprache in der öffentlichen Verwaltung, vor Gericht sowie in den Medien im Frei­staat Sachsen. Nach dieser Monitoringreise legte der Expertenausschuss im Mai 2007 einen Dritten Monitoringbericht zur Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen Deutschland vor, eine Stellungnahme der Bundesrepublik Deutschland hierzu wird derzeit erarbeitet. Wesentliche neue Anmerkungen zu den von der Bundesrepublik Deutschland übernommenen Verpflichtungen erfolgten nicht.

Die Interessenvertretung der Sorben in internationalen Minderheitengremien wird durch die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V. als Dachverband sorbischer Verbände und Vereine wahrgenommen (siehe Kapitel 2.2.3). Sie ist seit der politischen Wende Mitglied der Födera-


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listischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), des Europäischen Büros für Sprach­minderheiten (EBLUL) und der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Die FUEV wurde 1949 in Versailles als ein unabhängiger Dachverband von Organisationen europäischer Min­derheiten und Volksgruppen gegründet. Derzeit sind in der FUEV 84 Mitgliedsorganisationen aus 30 Staaten Europas zusammengeschlossen (Stand 31.05.2007). Ziel der FUEV ist es, mit friedlichen Mitteln dazu beizutragen, dass Volksgruppen und Minderheiten unter Wah­rung der eigenen Identität, Sprache und Kultur gleichberechtigt mit der Mehrheitsbevölke­rung in einem Staat leben. Für dieses Ziel und die entsprechende rechtliche Absicherung wirbt die FUEV bei Parlamenten und Regierungen der europäischen Staaten, beim Europa­rat und anderen europäischen Gremien. In der FUEV ist ein Vertreter der Domowina e.V. Präsidiumsmitglied.


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  1.2       Minderheitenschutz auf Bundesebene

Die Angehörigen nationaler Minderheiten und Volksgruppen mit deutscher Staatsangehörig­keit genießen alle Menschen- und Bürgerrechte des Grundgesetzes der Bundesrepublik

. Deutschland ohne Einschränkungen. Dabei haben für sie Bestimmungen besondere Bedeu­tung, die den Gebrauch der Minderheitensprache, die Pflege eigenständiger Kultur und die Erhaltung der eigenen Identität sichern. Das Grundgesetz enthält in Artikel 3 Absatz 3 ein wichtiges Element des Minderheitenschutzes: das Verbot von Bevorzugungen oder Benach­teiligungen u. a. wegen der Abs’tammung, der Rasse, der Sprache, der Heimat und Herkunft.

Maßnahmen des Staates, die der Pflege der kulturellen Identität und der Sprache der Volks­gruppen dienen, bezwecken die Gleichstellung mit der Mehrheitsbevölkerung. Der Staat darf adäquate Maßflahmen zur Gleichstellung von Angehörigen der nationalen Minderheiten und Volksgruppen mit den Angehörigen der Mehrheit dort ergreifen, wo es notwendig und ange­messen ist. Das grundsätzliche Bekenntnis des Bundes zur Rechtsstellung ethnischer Min­derheiten wird, wie oben erläutert, auch auf das sorbische Volk angewendet.

Nach bestehender Rechtslage und nach der Zuständigkeitsvertei/ung zwischen Bund und Ländern- wonach Kultur und Bildung zur Länderhoheit zählen – vertritt der Bund die Rechts­auffassung, dass die Förderung des sorbischen Volkes vorrangig in die Zuständigkeit Sach­sens und Brandenburgs falle.

Zuständig für die Angelegenheiten der Sorben auf Bundesebene ist der Beauftragte der Bundesregierung der Kultur und der Medien (BKM) in Bezug auf die Stiftung für das sorbi­sche Volk sowie das Bundesministerium des Innern (BMI) in Bezug auf den Minderheiten­schutz. Seit 2005 vertritt ein Minderheitensekretariat die Interessen der im Minderheitenrat zusammengeschlossenen Verbände der autochtonen Minderheiten in Deutschland, finan­ziert durch das BM/.

Der Bund beteiligt sich seit 1998 konstant mit jeweils 16,0 Mio. DM bzw. 8,181 Mio. Euro an der Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk. Obwohl das am 28.08.1998 zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Land Brandenburg und dem Freistaat Sachsen ge­schlossene Abkommen über die gemeinsame Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk (Finanzierungsabkommen) eine kontinuierliche Absenkung des Anteils des Bundes bis auf 8,0 Mio. DM im Jahr 2007 vorsah, konnte das gemeinsame Zuschussniveau des Bundes und der beiden Länder von 32,0 Mio. DM bzw. 16,361 Mio. Euro bis zum Jahr 2002 beibe­halten werden. In den folgenden Jahren verringerte sich der Zuschuss schrittweise durch


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Absenkungen des Bundes und des Landes Brandenburg auf insgesamt 15,6288 Mio. Euro im Jahr 2007. Finanziell engagiert sich der Bund ebenfalls bei der Förderung der dänischen Minderheit in Deutschland, der Sinti und Roma in Deutschland sowie der Friesen in Deutsch­land.

Da das bisherige Finanzierungsabkommen zum 31.07.2007 ausgelaufen ist und die Ver­handlungen für ein neues Abkommen bisher nicht abgeschlossen wurden, werden die Be­mühungen der Sächsischen Staatsregierung gesondert unter Punkt 1.4 dargestellt. Die Sächsische Staatsregierung setzt sich beim Bund dafür ein, dass dieser die notwendige und angemessene Finanzierungsbeteiligung insbesondere für die Stiftung für das sorbische Volk beibehält und die Förderung in einem neuen Finanzierungsabkommen fixiert. Am 07.03.2008 verabschiedete der Sächsische Landtag einstimmig einen Beschluss, der die Staatsregie­rung aufforderte, sich in diesem Sinne weiterhin einzusetzen.

Im Mai 2002 richtete das Bundesministerium des Innern (BMI) einen Beratenden Ausschuss für Fragen des sorbischen Volkes beim BMI ein. Diesem Gremium gehören zwei Vertreter des BMI, drei Mitglieder des sorbischen Volkes und je ein Vertreter des Landes Branden­burg, des Freistaates Sachsen sowie der Stiftung für das sorbische Volk an. Die konstituie­rende Sitzung dieses Ausschusses fand am 10.09.2002 in Bautzen statt. Seither tagt er in regelmäßigen Abständen. Es finden jährlich ein bis zwei Beratungen des Ausschusses statt.


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            1.3       Verfassung, Gesetze und sonstige Vorschriften im Freistaat Sachsen

Die Sächsische Verfassung vom 27. Mai 1992 gewährt dem sorbischen Volk in den Arti­keln 2, 5 und 6 Grundrechte, wie z. B. das Führen eigener Farben und eines eigenen Wap­pens, Recht auf Heimat, Bewahrung der Identität, Erhalt des deutsch-sorbischen Charakters des Siedlungsgebietes sowie Pflege und Entwicklung der angestammten Sprache, Kultur und Überlieferung, insbesondere durch Schulen, vorschulische und kulturelle Einrichtungen. Dieser verfassungsmäßige Auftrag ist eine solide Basis für den Fortbestand des sorbischen Volkes. Er wird durch Gesetze und andere staatliche Vorschriften sowie im Alltag in der je­weiligen Zuständigkeit – auf Landes- bzw. auf kommunaler Ebene – umgesetzt.

Den Verfassungsauftrag präzisierend beschloss der Sächsische Landtag am 20.01.1999 das Gesetz über die Rechte der Sorben im Freistaat Sachsen/Zakoń wo prawach Serbow w Swobodnym staće Sakskeje (Sächsisches SorbengesetziSakski serbski zakoń ­SächsSorbG/SSZ vom 31.03.1999, SächsGVBI S.161).

Das Gesetz über die Rechte der Sorben im Freistaat Sachsen konkretisiert durch höher­rangiges Recht vorgegebene Ziele, so die in den ratifizierten europäischen Konventionen zum Minderheitenschutz eingegangenen Verpflichtungen oder das Grundgesetz. Spezielle Regelungen zum Schutz und zur Förderung der sorbischen Identität in Einzelgesetzen waren schon vor der Beschlussfassung zum Sächsischen Sorbengesetz durch den Sächsischen Landtag erlassen worden und gelten fort bzw. wurden mittlerweile novelliert. Diese Gesetze des Freistaates Sachsen enthalten eine Reihe weiterer Bestimmungen, die die Angelegen­heiten der Sorben betreffen. Sie sind im ersten Bericht der Sächsischen Staatsregierung zur Lage des sorbischen Volkes von 1998 näher erläutert. In Einzelgesetzen sind schulische Angelegenheiten, Bestimmungen zu Kindertageseinrichtungen oder zur Landes- und Regio­nalplanung, der Umgang mit sorbischen Angelegenheiten im privaten Rundfunk, im Kultur­raum Oberlausitz-Niederschlesien, den Gemeinde- und Landkreisordnungen, bei Wahlhand­lungen u. v. a. geregelt.

Die Praxis, Fachfragen in den Einzelgesetzen zu regeln, wurde auch nach Erlass des Säch­sischen Sorbengesetzes beibehalten. Die Sächsische Staatsregierung betrachtet das Säch­sische Sorbengesetz als ein geeignetes Instrument zur Umsetzung des o. g. Verfassungs­auftrages. Nicht nur der Inhalt, sondern bereits die Existenz eines solchen Gesetzes hat für die Sorben identitätsstiftende und unterstützende Bedeutung.


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Im Sächsischen Sorbengesetz sind die Frage der Zugehörigkeit zum sorbischen Volk sowie das Recht auf sorbische Identität geregelt. Der Gesetzestext hebt auf der Grundlage europä­ischer Rechtsnormen das Bekenntnis zum sorbischen Volk als das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zu diesem hervor.

Die Bestimmung des sorbischen Siedlungsgebietes stellt einen der wichtigsten Rege­lungstatbestände des Gesetzes dar. Ein wesentliches Element der sorbischen Identität ist die historische und gegenwärtige Verwurzelung der Sorben in der Lausitz. Die Verfassung des Freistaates Sachsen und verschiedene einzelgesetzliche Regelungen verweisen daher bezüglich der Umsetzung von Schutz- und Fördermaßnahmen zu Gunsten der sorbischen Identität auf das sorbische Siedlungsgebiet. Dieses wurde in § 3. SächsSorbG definiert. Die Gemeinden und Gemeindeteile, die das sorbische Siedlungsgebiet des Freistaates umfasst, sind in der Anlage zum. SächsSorbG namentlich aufgeführt. Das Siedlungsgebiet ist als zu­sammenhängendes Gebiet bestimmt worden.

Am 23.01.2008 beschloss der Sächsische Landtag eine Kreisgebietsreform zum 01.08.2008. Demnach werden die Kreise im Freistaat Sachsen neu gegliedert. Die derzeit 22 Landkreise werden auf zehn, die derzeit sieben kreisfreien Städte auf drei reduziert.

Im Zuge der vorgesehenen Neugliederung des Gebietes der Landkreise kam es zum 01.08.2008 auch zu Neuordnungsmaßnahmen bezüglich der Landkreise und Kreisfreien Städte im sorbischen Siedlungsgebiet. Nach § 3 Nr. 1 des Gesetzes zur Neugliederung des Gebietes der Landkreise des Freistaates Sachsen (Sächsisches Kreisgebietsneugliede­rungsgesetz – SächsKrGebNG) bilden die bisherigen Landkreise Bautzen und Kamenz unter Einbeziehung der bisherigen Kreisfreien Stadt Hoyerswerda einen neuen Landkreis Bautzen, während der bisherige Niederschlesische Oberlausitzkreis gemeinsam mit dem bisherigem Landkreis Löbau-Zittau und der bisherigen Kreisfreien Stadt Görlitz im neuen Landkreis Gör­litz (§ 3 Nr. 3 SächsKrGebNG) aufgeht. Die weitgehende Vereinigung des sorbischen Sied­lungsgebietes, mit Ausnahme der auf den neuen Landkreis Görlitz entfallenden Gebiete der Region Schleife, in einer administrativen Gebietskörperschaft wurde im Rahmen der Anhö­rung zum Gesetzentwurf von der Domowia – Bund Lausitzer Sorben e.V. und dem Rat für Sorbische Angelegenheiten des Freistaats Sachsen ausdrücklich begrüßt. Die insoweit er­forderlichen Anpassungen des § 3 SächsSorbG und der Anlage zum SächsSorbG sind im Zuge des Gesetzgebungsverfahrens zur Neugliederung erfolgt.


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Ebenfalls im Sächsischen Sorbengesetz verankert ist die Bildung eines Rates für sorbische Angelegenheiten, der vom Sächsischen Landtag und der Sächsischen Staatsregierung in Angelegenheiten der Sorben zu hören ist. Der jetzige Rat wurde am 19.01.2005 vom Säch­sischen Landtag gewählt, ihm gehören fünf Mitglieder an (siehe dazu 2.2.1).

Gemäß den Bestimmungen im Sächsischen Sorbengesetz erfolgt die Beschilderung im öf­fentlichen Raum (Straßen, Plätze und öffentliche Gebäude) im sorbischen Siedlungsgebiet in Sorbisch und Deutsch, so z. B. die der Sächsischen Bildungsagentur – RegionalsteIle Baut­zen, der Landratsämter sowie der Gemeindeverwaltungen, Schulen und Kindertageseinrich­tungen. Auch die Einrichtungen der Justiz sind innerhalb des sorbischen Siedlungsgebietes zweisprachig beschildert. Das Sächsische Oberverwaltungsgericht und die Justizvollzugs­anstalt in Bautzen verwenden darüber hinaus zweisprachige Briefköpfe.

Im sorbischen Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen haben die Bürger das Recht, sich vor Gerichten und Behörden des Freistaates Sachsen sowie der seiner Aufsicht unterste­henden Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts der sorbischen Sprache zu bedienen. In fast allen Justizeinrichtungen des Siedlungsgebietes arbeiten daher Mitarbeiter mit sorbischen Sprachkenntnissen. Macht ein Bürger von diesem Recht Ge­brauch, hat dies dieselben Wirkungen, als würde er sich der deutschen Sprache bedienen. In sorbischer Sprache vorgetragene Anliegen der Bürger können in sorbischer Sprache beant­wortet und entschieden werden. Kostenbelastungen und sonstige Nachteile dürfen den sor­bischen Bürgern hieraus nicht entstehen (§ 9 Sächsisches Sorbengesetz). Die Erfahrungen mit der sorbischen Sprache im Dienstbetrieb sind jedoch nur marginal.

Des Weiteren ist im Gesetzestext ausdrücklich festgeschrieben, dass der Freistaat Sachsen an der Universität Leipzig eine Forschungs- und Lehreinrichtung für Sorabistik unterhält (sie­he 2.4.3 bzw. 2.4.4)

Eine Novellierung erfuhr die Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales zur Förderung der sorbischen Sprache und Kultur gemäß § 20 des Sächsischen Gesetzes zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen (Gesetz über Kindertageseinrichtun­gen – SächsKitaG) in der Fassung der Bekanntmachung vom 29. Dezember 2005 (SächsGVBI. 2006 S. 2). Nach der neuen Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales zur Förderung der sorbischen Sprache und Kultur in Kindertageseinrichtungen (Verordnung über Kindertageseinrichtungen im sorbischen Siedlungsgebiet – SächsSorbKi­taVO) vom 19. September 2006 (SächsGVBI. S. 464) erfolgt die Förderung sehr viel zielge­richteter als in der Vergangenheit. Den gegenüber der bisherigen Förderung um 40 % erhöh-


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ten jährlichen Zuschuss erhalten nur noch solche Gruppen, in denen die Kinder mit dem Ziel einer umfassenden Zweisprachigkeit gefördert werden, wobei die Voraussetzungen zum Besuch einer sorbischen Grundschule zu schaffen sind.

Im übrigen wird auf die im Bericht der vergangenen Legislaturperiode genannten Gesetze bzw. Verordnungen verwiesen.

1.4 Verhandlungen zur Novellierung des Abkommens zur gemeinsamen Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk (Finanzierungsabkommen)

Die Stiftung für das sorbische Volk benötigt eine dauerhafte, verlässliche und auskömmliche Finanzierung, um ihren Stiftungszweck, die Pflege und Entwicklung der sorbischen Sprache un~ Kultur, zu erfüllen. Dies hat die Sächsische Staatsregierung schon frühzeitig vor dem Auslaufen des Abkommens zur Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk Ende 2007 dazu bewogen, entsprechende Initiativen für die Verhandlungen über ein neues Ab­kommen mit dem Land Brandenburg und dem Bund zu ergreifen. Schon im Koalitionsvertrag zur Bildung der Staatsregierung im Freistaat Sachsen 2004 legten die Koalitionsparteien CDU und SPD fest, das Finanzierungsabkommen für die Stiftung für das sorbische Volk auch über das Jahr 2007 hinaus fortzuführen.

Seit dem Frühjahr 2006 setzte sich die Sächsische Staatsregierung für die Aufnahme und Fortführung von Verhandlungen zu einem neuen Abkommen ein. Der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen sowie die zuständigen Staatsministerien des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg baten 2006 den Beauftragen für Kultur und Medien (BKM) schrift­lich um Aufnahme der Verhandlungen.

2007 wurden diese Bemühungen verstärkt. Neben Verhandlungen auf Arbeitsebene setzten sich die Amtsspitzen sowie der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen ein. Die Bundes­kanzlerin teilte daraufhin brieflich mit, der Bund sei grundsätzlich bereit, sich auf der Grund­lage des Einigungsvertrages und des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten von 1995 (in Kraft getreten in der Bundesrepublik Deutsch­land am 01.02.1998) sowie der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitenspra­chen des Europarats von 1992 (in Kraft getreten in der Bundesrepublik Deutschland am 01.01.1999) weiterhin an der Finanzierung zu beteiligen.


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Die Bemühungen, konkrete Verhandlungsergebnissen zu erzielen, verzögerten sich wegen der Beratungen zum Bundeshaushalt 2008. Erst im Dezember 2007 signalisierte der BKM die Bereitschaft zur Aufnahme von Verhandlungen. Eine maßgebliche Entscheidung für die jetzigen Rahmenbedingungen wurde dabei durch das Votum des Haushaltsauschusses des Deutschen Bundestages vom 15.11.2007 getroffen. Hierin wurde die Fördersumme des Bundes für die Stiftung für das sorbische Volk für das Jahr 2008 auf 7,6 Mio. Euro festgelegt. Davon wurden 2,6 Mio. Euro mit einer Haushaltssperre versehen. Die Aufhebung der Sperre war an folgende Bedingung gebunden: „Die Bundesregierung ist aufgefordert, im Rahmen der Finanzierungsvereinbarung mit den Bundesländern Brandenburg und Sachsen bis spä­testens zum 15. Juni 2008 ein umfassendes Weiterentwicklungskonzept vorzulegen, das eine Förderdegression vorsieht und die Bedenken von Bundesrechungshof und Bundesver­waltungsamt umsetzt“. Am 28.05.2008 wurde die Sperre durch den Haushaltsausschuss des Bundestages aufgehoben.

Parallel dazu stimmte die Sächsische Staatsregierung ihre Position eng mit dem Land Bran­denburg ab. So haben sich beide Kabinette in einer gemeinsamen Sitzung 2007 auf gemein­same Erwartungen verständigt: dauerhaft auskömmliche Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk ausgehend von ihren Aufgaben, Beibehaltung des bisherigen Finanzierungs­schlüsseis (Bund: drei Sechstel, Sachsen: zwei Sechstel, Brandenburg: ein Sechstel), wei­terhin Globalzuweisung durch den Bund, keine Umstellung aUf ausgewählte Projekte, Ab­kommen mit unbefristeter Laufzeit, mindestens aber 5 Jahre.


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   2.         Lage des sorbischen Volkes

               . 2.1 Bürger sorbischer Volkszugehörigkeit

Die Bürger sorbischer Volkszugehörigkeit sind Staatsangehörige der Bundesrepublik Deutschland und – sofern sie hier leben – Bürger des Freistaates Sachsen. Damit genießen sie gleichberechtigt die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Ebenso gelten für sorbi­sche Bürger alle staatsbürgerlichen Pflichten. Dem Volk des Freistaates Sachsen angehö­rende Bürger deutscher, sorbischer und anderer Volkszugehörigkeit unterscheiden sich in­soweit nicht, als sie in gleicher Weise den Volkswohlstand und die freiheitlich-demokratische Rechtsordnung genießen und die Sorgen des Alltags teilen.

2.1.1 Bekenntnis zum sorbischen Volk

Das Bekenntnis zum sorbischen Volk ist gemäß § 1 SächsSorbG frei. Es darf weder nach­geprüft und registriert noch bestritten werden. Es gibt daher keine amtlichen zahlenmäßigen Erhebungen bezogen auf die sorbische Volkszugehörigkeit. Bei der letzten demographi­schen Studie des Sorbischen Institutes im Jahre 1988/89 wurde die Zahl auf 60.000 bis 80.000 geschätzt, davon zwei Drittel im Freistaat Sachsen.

Grundlage für diese Erhebung waren die Kriterien „freies Bekenntnis“, „Sprachbeherrschung“ und „Traditionspflege“. Angesichts der allgemeinen demographischen Entwicklung der ver­gangenen Jahre geht man heute von der kleineren der um die Wende geschätzten Zahlen aus. Demnach leben heute etwa 60.000 Sorben in der Lausitz, davon 40.000 im nordöstli­chen Teil des Freistaates Sachsen und 20.000 im südöstlichen Teil des Landes Branden­burg.

Im Zusammenhang mit der Beantwortung eines Fragenkataloges des Monitoringsausschus­ses des Europarates zurSprachencharta vom Herbst 2007 nach demographischen Angaben wurden vom Statistischen Landesamt des Freistaates Sachsen die bevölkerungsstatisti­schen Daten für das sorbische Siedlungsgebiet auf der Basis der Ergebnisse der vierten re­gionalisierten Bevölkerungsprognose für den Freistaat Sachsen bis 2020 zur Verfügung ge­steilt. Diese neue Bevölkerungsprognose geht vom Bevölkerungsstand in Sachsen (sowie in den 22 Landkreisen und 7 kreisfreien Städten) Ende 2005 aus und stellt die Entwicklung bis zum Jahr 2020 dar. Die Prognose beruht auf Annahmen zur Geburtenhäufigkeit, zur Le­benserwartung und zur Entwicklung des Wanderungsverhaltens Ueweils basierend auf den


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Analysen der demografischen Trends der letzten fünf Jahre). Es ist wichtig darauf hinzuwei­sen, dass keine separaten Daten zur sorbischen Bevölkerungsgruppe erfasst worden sind bzw. erfasst werden; allerdings dürften die erfassten Daten zur Gesamtbevölkerung im sor­bischen Siedlungsgebiet gleichermaßen Entwicklungen erkennen lassen: Für den Zeitraum vom Jahr 1990 an (1990 = 100) mit einer Einwohnerzahl von 276.000 ergibt sich eine Bevöl­kerung/voraussichtliche Bevölkerung, (zusätzlich ausgedrückt in darauf bezogenen Punkt­werten) von 244.000 im Jahre 2000 (= 88,2), 221.000 im Jahre 2006 (= 79,9) und schließlich 184.000 im Jahre 2020 (= 66,7). Kurz gesagt geht die Prognose dahin, dass die Bevölke­rung/voraussichtliche Bevölkerung im sorbischen Siedlungsgebiet von jetzt noch 221.000 Personen auf 184.000 Personen im Jahre 2020 zurückgehen wird. Die weitaus größte Zahl der Menschen im sorbischen Siedlungsgebiet wird im Jahre 2020 in den Altersgruppen 45 bis 65 sowie 65 und mehr Jahre (59.000 bzw. 56.000 Personen) zu finden sein.


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2.1.2 Sorbische Sprache und Zweisprachigkeit

Obwohl sich viele Sorben dessen bewusst sind, dass die angewandte sorbische Sprache das wesentliche Merkmal sorbischer Volkszugehörigkeit und Identität ist, wird sie heutzutage aus dem öffentlichen Leben (z. B. bei öffentlichen Veranstaltungen wie Einwoh­nerversammlungen) und oftmals auch aus Familien verdrängt. Sorbischsprecher leben nicht allein, sondern in ständigem Kontakt mit Sprechern der Sprache der Mehrheit, der deutschen Sprache. Mittlerweile sind alle Sorben zweisprachig. Der Vorteil der Zweisprachigkeit der Sorben wird hier zu einem Nachteil, wenn der Zweisprachler durch seine Umgebung mehr oder minder höflich dazu gezwungen ist, die Sprache anzuwenden, die nicht seine Mutters­prache ist. Damit gibt er zugleich seine Muttersprache auf. Da niemand gezwungen werden kann, die sorbische Sprache zu erlernen, ist es Aufgabe aller für sorbische Angelegenheiten Verantwortlichen, immer wieder für die Wertschätzung, die Anwendung und für das Erlernen der sorbischen Sprache sowie die Vorteile der Zweisprachigkeit zu werben.

Die Förderung der sorbischen Sprache hat keine Besserstellung des Sorbischen zum Ziel. Minderheitensprachenförderung stellt stets das Bestreben dar, der kleineren Sprache die gleichen Bedingungen zu bieten wie einer großen Sprache.

Ziel ist es, dass möglichst viele Bürger des sorbischen Siedlungsgebietes, insbesondere Kinder und Jugendliche, zweisprachig aufwachsen oder die sorbische Sprache passiv be­herrschen. Dies ist Voraussetzung dafür, dass z. B.in Einwohnerversammlungen, bei Feiern im Familien- und Bekanntenkreis oder bei Sportveranstaltungen beide Sprachen gleichbe­rechtigt angewandt werden können.

Im Freistaat Sachsen gibt es verschiedene Regionen im sorbischen Siedlungsgebiet, in denen die sorbische Sprache in unterschiedlichem Maße zum Alltag gehört. Zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda wird in verschiedenen Ortschaften die sorbische Sprache als Muttersprache an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Sie ist dort die bevorzugte Umgangssprache, ist in allen Generationen im öffentlichen Leben, in den Kindereinrichtungen und in den Schulen lebendig, sie prägt den dörflichen Alltag, das kirchliche Leben und das Familienleben. Gleichwohl besteht auch dort die Gefahr des Zurückdrängens der sorbischen Sprache. In der heutigen Zeit, die durch Medien in einer so vielfältigen Weise geprägt ist, werden die Kinder von früher Jugend an mit der deutschen Sprache konfrontiert, aber nur selten mit der sorbischen Sprache.

In der Mittellausitz (um Hoyerswerda und Schleife) wird die sorbische Sprache kaum noch in den Familien weitergegeben. Dort ist Sorbisch für die meisten Kinder keine Muttersprache.


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Daher sind die Bemühungen junger Eltern, die ihren Kindern im WITAJ-Projekt das Erwerben der sorbischen Sprache als Zweitsprache vom Kleinkindalter an ermöglichen wollen, besonders zu begrüßen. Sie zeigen, dass das Interesse der jungen Menschen an der in dieser Region beheimateten Sprache vorhanden ist und dass das Bedürfnis wächst, diese Sprache wiederzubeleben.

Zuversichtlich kann der Vergleich mit der Situation anderer Minderheitensprachen Europas stimmen, der zeigt, dass es durchaus möglich ist, den Gebrauch einer Sprache wieder zu stärken. Es gibt keine notwendige Konsequenz, dass eine Sprache, wenn sie einmal in ihrem Gebrauch zurückgegangen ist, nun auch diesen Weg unausweichlich bis zum Ende des aktiven Gebrauchs dieser Sprache geht. Es gibt europäische Regionen, wo aus einem neu erwachten Selbstbewusstsein, aus einem neu erwachten Willen zur Bewahrung der eigenen Identität und Kultur auch der Gebrauch der Sprache wieder gestärkt wurde. Daher ist einem Programm, wie es das „WIT AJ-Projekt“ darstellt, durchaus eine realistische Erfolgschance gegeben.


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2.1.3 Sorbische Familie

Der sorbischen Familie kommt bei der Erhaltung und Belebung der sorbischen Sprache eine besondere Bedeutung zu. Bildung beginnt in der Familie mit der Erziehung der Kinder. Hier entscheidet sich in hohem Maße, ob das Kind sorbisch spricht, sich später als Bürger sorbi­scher Volkszugehörigkeit bekennt und dieses Bekenntnis mit Leben ausfüllt. Dabei spielt die Vorbildwirkung der Eltern und anderer, z. B. der Nachbarn, eine wichtige Rolle. Es ist nicht selbstverständlich, dass sorbische Eltern die sorbische Sprache als ents~heidendes Element nationaler Identität an ihre Kinder weitergeben. Das gleiche gilt für deutsch-sorbische Fami­lien bzw. Eltern. Bisher noch selten entscheiden sich deutsche Eltern für die sorbischspra­chige Erziehung ihrer Kinder. Der Anteil der deutsch- und/oder sorbischsprachigen Eltern, die eine frühzeitige deutsch-sorbische Zweisprachigkeit ihrer Kinder als eine Bereicherung empfinden, steigt jedoch beständig. Das Interesse an der zweisprachigen Erziehung ,ab dem Kleinstkindalter wächst mit den diesbezüglich unterbreiteten Angeboten (siehe dazu 2.4.1).

Die sorbische Sprache wird in der Öffentlichkeit in sorbischen Kindertageseinrichtungen und Schulen, bei sorbischen Kulturveranstaltungen im sorbischen Vereinsleben, beim sorbischen Gottesdienst und sorbischen Veranstaltungen der Kirchgemeinden gesprochen und natürlich auch dann, wenn Sorben unter sich sind. Diese Bereiche sorbischer Sprachanwendung sol­len bewahrt und möglichst ausgeweitet werden. Wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass in den Familien sorbisch gesprochen wird. Auch neue Angebote in sorbischer Sprache, wie sorbischsprachige Internetauftritte, Hörbücher, Computerspiele mit sorbischem Inhalt und in sorbischer Sprache, sorbisches Jugendradio, sorbische Rockgruppen und -konzerte oder sorbische Fernsehsendungen befördern die allgemeine Wertschätzung der sorbischen Spra­che. Diese Anwendungsmöglichkeiten regen den Gebrauch der sorbischen Sprache gerade bei der jüngeren Generation an.


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2.1.4 Religiosität

Das kirchliche Leben hat einen wichtigen Platz im Leben des sorbischen Volkes. Die Sorben in Sachsen sind überwiegend Christen, die etwa jeweils zur Hälfte evangelisch oder katho­lisch sind.

Die evangelischen Sorben im sorbischen Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen gehö­ren der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und der Evangelischen Kirche ‚ Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz an. Auf Grund von Assimilierungsprozessen leben sie nicht mehr in einem kompakten Siedlungsgebiet, sondern bilden in ihren Kirchge­meinden eine Minderheit.

In beiden Kirchen wurde jeweils ein Gesetz für die Erhaltung und Förderung des Gemeinde­lebens verabschiedet: Kirchengesetz über die kirchliche Vertretung des sorbischen Bevölke­rungsteils der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (Sorbengesetz) vom 18. November 2002; Kirchengesetz über die kirchliche Arbeit mit Sorben und Wenden in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Kirchliches Sorben­Wenden-Gesetz) vom 23. April 2005.

In der sächsischen Landeskirche besteht der Sorbische Kirchgemeindeverband als Vertre­tungsorgan der Gemeinden mit sorbischem Bevölkerungsanteil. In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz wurde 2005 ein Sorben-Wenden-Beirat berufen, der die sorbische Gemeindearbeit koordiniert und begleitet. In beiden Kirchen wirken drei Pfarrer, einer von ihnen der sorbische Superintendent, für die sorbischsprachige Betreuung der Sorben in der Oberlausitz. Der sorbische Superintendent ist Vorsitzender des Sorbischen Kirchgemeindeverbandes und nimmt mit beratender Stimme an der Arbeit des Sorben­Wenden-Beirates teil.

Eine wesentliche Bedeutung für die evangelischen Sorben hat die Pflege des reformatori­schen Erbes, da die Sorben in Folge der Reformation Martin Luthers ein eigens Schrifttum entwickelten. Im Jahr 2009 soll das 300-jährige Jubiläum des niedersorbischen Neuen Tes­taments länder- und kirchenübergreifend begangen werden. Im Jahr 2010 wird das sorbi­sche Gesangbuch im Mittelpunkt stehen, welches erstmalig 1710 in Bautzen erschienen ist.

Die Monatsschrift „Pomhaj Bóh“, welche vom Sorbischen Kirchgemeindeverband und dem Sorbischen Evangelischen Verein e. V. herausgegeben und von der Stiftung für das sorbi­sche Volk wesentlich unterstützt wird, konnte ihr hohes publizistisches Niveau halten. Die


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kirchlichen Beiträge in den sorbischen Rundfunksendungen wurden im bisherigen Umfang weitergeführt. Seit dem Jahr 2001 erscheinen die Herrnhuter Losungen in sorbischer Spra­che.

Kirchenübergreifend wirkt der Sorbische evangelische Verein e.V. mit Sitz in Bautzen. Er ist der Veranstalter des jährlichen Evangelischen Kirchentages und unterstützt eine Kinderwo­che für sorbische Kinder aus der Ober- und Niederlausitz.

Die katholischen Sorben im sorbischen Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen gehören den Bistümern Dresden-Meißen und Görlitz an. Das sorbisch-katholische Gebiet liegt zwi­schen den Städten Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda. Die dort ansässigen sorbisch spre­chenden Einwohner sind meist in der Mehrheit, in den Städten jedoch in der Minderheit. Die Kirche pflegt das katholisch geprägte sorbische Kulturgut. Tagtäglich wird in den Gottes­diensten in sorbischer Sprache gebetet und gesungen. An Sonntagen besuchen ca. 4.500 Gläubige Gottesdienste, die in sorbischer Sprache stattfinden (18 Heilige Messen und 6 An­dachten). Heute wirken in den zweisprachigen katholischen Gemeinden zehn Geistliche, die die sorbische Sprache beherrschen (dazu kommen zwei sorbische Geistliche, die sich im Ruhestand befinden). Im sorbisch-katholischen Gebiet wird durch kirchliche Aktivitäten die sorbische Sprache gepflegt und weiterentwickelt. Außer den regelmäßigen Gottesdiensten finden sehr gut besuchte Wallfahrten, Gemeindeveranstaltungen für verschiedene Altersgruppen – besonders für Kinder und Jugendliche statt. Im Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Freistaat Sachsen vom 24. Januar 1994 wird im Artikel 10 darauf hingewie­sen, dass die katholische Kirche das katholisch geprägte sorbische Kulturgut bewahren und schützen wird und sie der Freistaat im Rahmen seiner Möglichkeiten dabei unterstützt. Der Cyrill-Methodius-Verein mit Sitz in Bautzen engagiert sich für das kirchliche Leben in sorbi­scher Sprache. Dieser Verein ist Herausgeber der katholischen Zeitung „Katolski posoł“, die wöchentlich erscheint und ca. 2100 Abonnenten hat. Sie ist das meistgelesene sorbische Printmedium. In der Redaktion arbeiten ein Pfarrer ehrenamtlich als Chefredakteur und zwei weitere Mitarbeiter. Diese Zeitschrift wird sowohl vom Bistum Dresden – Meißen als auch von der Stiftung für das sorbische Volk unterstützt. In der Bistumsleitung des Bistums Dres­den – Meißen, dem Bischöflichen Ordinariat, gibt es eine Zentralabteilung „Sorbische Ange­legenheiten“, die von einem sorbischen Pfarrer geleitet wird. Im zweisprachigen Dekanat Bautzen gibt es eine eigene Dekanatsstelle für sorbische Kinder- und Jugendpastoral. Diese wird von einem sorbischen Pfarrer geleitet, ihr gehören zwei Mitarbeiterinnen an.


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  2.2       Vertretung· der sorbischen Interessen in beratenden sowie beschlussfassenden

Gremien (politische Arbeit der Sorben)

2.2.1 Rat für sorbische Angelegenheiten des Freistaates Sachsen

. Gemäß § 6 SächsSorbG wählte der Sächsische Landtag am 19.01.2005 den derzeitigen Rat für sorbische Angelegenheiten. Ihm gehören fünf Mitglieder an. Der Rat ist für die Dauer der Legislaturperiode gewählt. Die Arbeit des Rates wird von der Landtagsverwaltung durch ei­nen Ausschusssekretär und juristische Beratung unterstützt. Die Geschäftsstelle des Rates befindet sich im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Die Sitzungen des Rates finden im Sächsischen Landtag statt. Darüber hinaus treffen sich die Mitglieder des Rates zu internen Sitzungen in Bautzen.

Der Rat für sorbische Angelegenheiten ist vom Sächsischen Landtag und von der Staatsre“: gierung in sorbischen Angelegenheiten zu hören.

An folgenden Gesetzgebungsverfahren war der Rat im Berichtszeitraum aktiv beteiligt (Aus­wahl):

– Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales zur Förderung der sorbischen Sprache und Kultur in Kindertageseinrichtungen (Verordnung über Kindertageseinrichtungen im sorbischen Siedlungsgebiet, SächsSorbKitaVO)

– Gesetz zur Neugliederung des Gebietes der Landkreise des Freistaates Sachsen

– Gesetz über die Zulassung zum Hochschulstudium im Freistaat Sachsen

Die Vorschläge des Rates für sorbische Angelegenheiten fanden dabei weitgehend Beach­tung.

Darüber hinaus werden vom Rat verschiedene Fragen zu sorbischen Angelegenheiten mit den zuständigen Staatsministerien besprochen. Dabei nehmen die Schulnetzplanung sowie die zweisprachige Bildung an den Schulen der Lausitz, die Überarbeitung der Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales zur Durchführung des Sächsischen Geset­zes zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen, die wirtschaftliche Entwicklung der Lausitz, die sorabistische Lehre und Forschung und die Förderung der sorbischen Kultur einen großen Raum der Beratungen ein. Auch die Mitwirkung der Vertreter der Sächsischen


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Staatsregierung im Stiftungsrat der Stiftung für das sorbische Volk ist Thema der Sitzungen des Rates. Der Rat für sorbische Angelegenheiten bemüht sich gemeinsam mit der Sächsi­schen Staatsregierung, dem Land Brandenburg und anderen Vertretern der Sorben um die Neufassung eines Abkommens über die gemeinsame Finanzierung der Stiftung für das sor­bische Volk. (siehe dazu Punkt 1.4)

Seit Januar 2001 halten der Rat für sorbische Angelegenheiten des Freistaates Sachsen und der brandenburgische Rat für sorbische (wendische) Angelegenheiten halbjährlich gemein­same Sitzungen ab. In diesen Sitzungen werden beide Länder betreffende Themen wie die sorabistische Lehre und Forschung, den Arbeitsmarkt in der Lausitz beeinflussende politi­sche Möglichkeiten oder die Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk behandelt.

Unter dem Motto „Serbska rěč je žiwa“ (Die sorbische Sprache lebt) wurde am 15.11.2004 unter Schirmherrschaft des Präsidenten des Sächsischen Landtages und der Vorsitzenden des Rates für sorbische Angelegenheiten der Wettbewerb um die sprachenfreundlichste Kommune im Freistaat Sachsen eröffnet. Von den insgesamt 46 zweisprachigen Kommunen des sorbischen Siedlungsgebietes der Oberlausitz haben sich 16 Städte und Gemeinden am Wettbewerb beteiligt.

2.2.2 Sorbische Wählervereinigungen sowie Mandate von Parteien

Derzeit sind eine Sorbin Mitglied des Bundestages und drei Sorben Mitglieder des Sächsi­schen Landtages, seit 27.05.2008 ist mit Stanislaw Tillich ein Sorbe Ministerpräsident des Freistaates Sachsen.

An den Kreistagswahlen 2008 beteiligte sich im Landkreis Bautzen die Freie sorbische Wäh­lervereinigung/ Swobodne serbske wolerske zjednoćenstwo (Kurzform: FSWV). Sie stellte Bewerber für den Kreistag des neuen Landkreises Bautzen auf und erhielt dort einen Sitz zugeteilt. Die genauen Ergebnisse der Wahlen sind über die Internetseite des Statistischen Landesamtes Sachsen unter http://www.statistik.sachsen.de/wahlen/ abzurufen.

Die Wahrnehmung sorbischer Interessen in den jeweiligen kommunalen Parlamenten ist in allen Landkreisen, der Kreisfreien Stadt Hoyerswerda und verschiedenen Gemeinden des sorbischen Siedlungsgebietes durch eine Satzung geregelt (siehe dazu 2.2.5). So wurden aus Mitgliedern des Kreistages bzw. des Stadtrates und unter Hinzuziehung berufener Bür­ger im Niederschlesischen Oberlausitzkreis, in der Kreisfreien Stadt Hoyerswerda und in der Stadt Bautzen sorbische Beiräte (in Bautzen Arbeitskreis genannt) gebildet. Im Landkreis


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Bautzen arbeiteten in einem solchen Beirat kompetente Bürger des Landkreises. Im Zuge der kreislichen Neuordnung nach der Kreisgebietsreform am 01.08.2008 werden entspre­chende Regelungen und Gremien angepasst.

Am 26.03.2005 wurde die Serbska Ludowa Strona (Wendische Volkspartei) gegründet. um sich als Partei für die Interessen der Sorben auf politischer Ebene einzusetzen. Die Wend­ische Volkspartei beabsichtigt ihre Teilnahme an Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen.

2.2.3 Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V.

In der im Jahr 1912 als Dachverband sorbischer Vereine gegründete Domowina e.V. sind Ortsgruppen und Kreisverbände, nahezu alle sorbischen Vereine sowie Einzelpersonen ver­einigt. Die Domowina e.V. hat zur Zeit über 7.200 Mitglieder. Sie stellt sich gemäß ihrer Satz­ung das Ziel, die Interessen des sorbischen Volkes in der Öffentlichkeit zu vertreten. Dieser Anspruch wird weitgehend anerkannt, insbesondere von den Sorben selbst. Alle Bürger sor­bischer Volkszugehörigkeit haben die Möglichkeit, durch Mitgliedschaft in der Domowina e. V. oder in ihr angeschlossenen Vereinen einen eigenen Beitrag zur Interessenvertretung zu leisten. Über die Internetseite der Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V. unter www.domowina.sorben.com sind alle Mitgliedsverbände nachzulesen.

Die Domowina e.V. nimmt die Rolle der Interessenvertretung wahr, jedoch sind ihr durch den Status eines eingetragenen privatrechtlichen Vereins Grenzen gesetzt.

Assoziierte Mitglieder der Domowina sind: die Australian Wendish Heritage Society. Mel­boume, AUSTRALIEN, Concordia University at Austin, Texas, USA, die Vereinigung „Łužica – Sorben und Freunde der Sorben außerhalb der Lausitz“, Deutschland, „Společnost přátel Lužice Praha “ Prag, Tschechische Republik, Stowarzyszenie Polsko-Serbołuzyckie „Pro „Lusatia“, Opole, Polen, Texas Wendish Heritage Society and Museum Serbin, Texas, USA ,“Towarzystwo Polsko-Serbołuzyckie“ Warszawa, Wrocław, Poznari, Polen sowie Wend/Sorb Society of South Australia, Adelaide, Australien.


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2.2.4 Zusammenarbeit der Minderheiten in Europa

Beziehungen zu anderen nationalen und ethnischen Minderheiten werden im Wesentlichen durch die Domowina e.V., aber auch durch andere sorbische Vereine und Institutionen un­terhalten. Die Kontakte in das Ausland – insbesondere das slawische Ausland – betreffen nicht allein die Minderheitensituation, sondern auch z. B. Kultur- und Schüleraustausch so­wie wissenschaftliche Verbindungen.

Die Domowina e.V. arbeitet als aktives Mitglied in der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), in der Gesellschaft für bedrohte Völker sowie im Europäischen Büro für weniger verbreitete Sprachen mit (siehe dazu 1.1). Der Erfahrungsaustausch mit Vertre­tungen anderer ethnischer Minderheiten hat einen besonderen Stellenwert. Im Jahre 2006 fand in der Zeit vom 24. – 28. 05. der 51. FUEV – Nationalitätenkongress und die FUEV – De­legiertenversammlung in Bautzen statt. Schirmherr dieser Tagung war der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Als wichtigstes Dokument des Kongresses wurde die Grundrech­techarta der Minderheiten, die sogenannte „Bautzener Erklärung“ verabschiedet. Mit diesem Dokument hat sich die FUEV ein Positionspapier erarbeitet, in welchem alle Grundrechte des europäischen Minderheitenrechtes aufgelistet sind, die in Folge weiterer Kongresse inhaltlich vertieft spezifiziert werden sollen. Als ein erster Schwerpunkt dieser Charta wurde das Grundrecht auf Bildung beim Kongress thematisiert.

Ein herausragendes kulturelles Ereignis des Kongresses war das internationale Kulturprog­ramm „Europa zu Gast bei den Sorben“. Mit diesem Projekt hat sich die Domowina erfolg­reich beim Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ beworben. Mit dem Kongress und dem Rahmenprogramm hat die Domowina ein anschauliches Beispiel gegeben, wie Völker­verständigung und Völkerverbundenheit vor Ort gelebt werden können. Der Freistaat Sach­sen unterstützt die Arbeit der FUEV auch direkt. 2007 bzw. 2008 wurde bzw. wird die FUEV institutionell von der Sächsischen Staatskanzlei gefördert.

Aus dem Vergleich mit der jeweiligen Situation der anderen Volksgruppe ergeben sich oft­mals Schlussfolgerungen für die Bewältigung der eigenen Situation. Insbesondere zu den ethnischen Minderheiten in Schleswig-Holstein werden regelmäßig Kontakte gepflegt.

Innerhalb der o. g. Dachorganisationen nehmen einzelne Vertreter auch Wahlfunktionen wahr. Federführend organisiert die Domowina e.V. jährlich Seminare für slawische FUEV­. Mitgliedsorganisationen. Im Rahmen des Europäischen Büros organisiert sie Weiterbil­dungsveranstaltungen und Symposien, die insbesondere auf Modellprojekte der Sprachver-


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mittlung ausgerichtet sind. Seitens der zuständigen Ministerien auf Bundes- und Landesebe­ne wird diesen Aktivitäten große Aufmerksamkeit und Unterstützung gewährt.

Eine weitere umfassende Zusammenarbeit mit Minderheiten und slawischen Völkern in Eu­ropa wird auf direktem Wege zwischen der Domowina e. V. und den jeweiligen Dachorgani­sationen organisiert. Ein reger Kulturaustausch gehört ebenso dazu wie regelmäßige Besu­che bzw. Informationsaustausch zu gegebenen Anlässen. Nicht zuletzt gibt es durch diese Art der Zusammenarbeit auch unmittelbare Kontakte zu politischen Vertretern, Abgeordneten und Mitarbeitern der Staatsministerien insbesondere mit den slawischen Nachbarländern Tschechien und Polen.

Der Mitgliedsverein der Domowina e.V., der sorbische Jugendverein Pawk e.V., ist federfüh­rend an der Arbeit ·der FUEN-Jugendorganisation „Jugend europäischer Volksgruppen (JEV)“ beteiligt. Neben der Vorbereitung und Durchführung der Frühjahrs- und Herbstsemi­nare der JEV beteiligt sich Pawk e.V. an vielen weiteren internationalen Aktivitäten der Ju­gendorganisation nationaler Minderheiten. Dabei steht der Erfahrungsaustausch immer wie­der im Mittelpunkt.


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2.2.5 Wahrnehmung sorbischer Belange in den Exekutivorganen

Gemäß Sächsischer Gemeinde- und Sächsischer Landkreisordnung sind in den Gemeinden und Landkreisen des sorbischen Siedlungsgebietes Satzungen über die Förderung der sorbischen Kultur und Sprache zu erarbeiten und umzusetzen.

Bis zur Kreisreform am 01.08.2008 hatten der Landkreis Bautzen und die Kreisfreie Stadt Hoyerswerda Beauftragte für sorbische Angelegenheiten. Im Landkreis Kamenz war fest­gelegt, dass eine leitende Stelle in der Verwaltung durch einen Angehörigen des sorbischen Volkes besetzt wird. Dies war die Stelle des Dezernenten für Jugend und Soziales. Im Nie­derschlesischen Oberlausitzkreis wurde diese Aufgabe durch das Büro des Landrates wahr­genommen. Ehrenamtliche Sorbenbeauftragte arbeiten in verschiedenen Gemeinden des sorbischen Siedlungsgebietes, so z. B. in Boxberg, Radibor, Schleife, Weißwasser und Uhyst.

Mit Inkrafttreten der Neuordnung der Landkreise wurden folgende Regelungen getroffen:

Die Beauftragten der Altkreise Bautzen und Kamenz erledigen ihre Aufgaben bis zur Neube­rufung durch den neuen Kreistag in Bautzen weiter wie bisher. Auch im neugebildeten Land­kreis Görlitz wird dieses Amt bis zur eventuellen Neuberufung wie geschehen ausgefüllt. In der (nunmehr kreisangehörigen) Stadt Hoyerswerda gibt es schon längere Zeit einen vom Rat eingesetzten Beirat für sorbische Angelegenheiten (10 Mitglieder), der auch in Zukunft bestehen soll.

Im September 2006 wurde auf Einladung der Länder Sachsen und Brandenburg eine Konfe­renz der Bürgermeister und Landräte zum Thema „Erfahrungen zum sorbischen (wend­ischen) Leben in der Gemeinde“ in Dissen bei Cottbus durchgeführt. Fünf Jahre zuvor hatte eine erste Konferenz unter dem Thema der Zweisprachigkeit in der Lausitz gestanden. Beide Konferenzen boten den Teilnehmern die Möglichkeit, zu diesen Themen Erfahrungen und Informationen auszutauschen und zu diskutieren.

Die Sächsische Staatsregierung hat beim Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, in dem auch ein sorbischsprachiger Mitarbeiter beschäftigt ist, das Referat Ange­legenheiten der Sorben und Gedenkstätten eingerichtet. Des Weiteren ist in jedem säch­sischen Staatsministerium ein Ansprechpartner für sorbische Angelegenheiten, insbesonde­re für den Rat für sorbische Angelegenheiten, benannt worden.


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Das Sächsische Staatsministerium für Kultus ist für die schulischen Angelegenheiten der Sorben zuständig. Für die besonderen fachlichen Angelegenheiten der einzelnen Schularten stehen in der Sächsischen Bildungsagentur, RegionalsteIle Bautzen Mitarbeiter des höheren Dienstes, die die sorbische Sprache in Wort und Schrift beherrschen, als Ansprechpartner für sorbische Angelegenheiten zur Verfügung.

Darüber hinaus sind natürlich weitere sorbischsprachige Mitarbeiter in verschiedenen Posi­tionen der kommunalen Verwaltungen – u. a. als Bürgermeister oder Amtsleiter – tätig, in die­sem Falle jedoch zur Ausfüllung des Dienstpostens und nicht vorrangig zur Berücksichtigung sorbischer Belange.

2.2.6 Wahrnehmung sorbischer Belange im Landesbildungsrat und im Landeselternrat Sachsen

Gemäß § 63 Abs. 3 Nr. 9. Schulgesetz für den Freistaat Sachsen (SchuIG) vom 16. Juli 2004 (SächsGVBI. S. 298) zuletzt geändert durch Artikel 6 des Gesetzes über Maßnahmen zur Sicherung der öffentlichen Haushalte 2007 und 2008 (Haushaltsbegleitgesetz 2007 und 2008) vom 15. Dezember 2006 (SächsGVBI. S. 515) gehört dem Landesbildungsrat ein Vertreter der Sorben an. Das Vorschlagsrecht zur Benennung eines Vertreters steht gemäß § 3 Abs. 1 Satz 2 Nr. 9 Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus über die Mitgliedschaft, Zuständigkeit und Geschäftsordnung des Landesbildungsrates (Landesbil­dungsratsverordnung) vom 3. Mai 1993 (SächsGVBI. S. 427) geändert durch Artikel 1 der Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus zur Änderung der Landesbil­dungsratsverordnung vom 4. August 2004 (SächsGVBI. S. 352) dem Sorbischen Schulverein e. V. zu.

Der Landesbildungsrat berät die oberste Schulaufsichtsbehörde bei Angelegenheiten von grundlegender Bedeutung für die Gestaltung des Bildungswesens. Der Landesbildungsrat ist vor Erlass von Rechtsverordnungen des Staatsministeriums für Kultus und zu Gesetzesent- . würfen der Staatsregierung, welche die Schule betreffen, zu konsultieren. Er ist berechtigt, der obersten Schulaufsichtsbehörde Vorschläge und Anregungen zu unterbreiten.

Die Mitglieder werden vom Staatsministerium für Kultus auf Vorschlag der entsprechenden Einrichtungen und Organisationen berufen. Die Amtszeit des Landesbildungsrats beginnt jeweils am 1. März des Jahres und dauert zwei Jahre.


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Der Landeselternrat Sachsen besteht gemäß § 21 Verordnung des Sächsischen Staatsmi­nisteriums für Kultus über die Mitwirkung der Eltern in den Schulen im Freistaat Sachsen (Elternmitwirkungsverordnung – EMVO) vom 5. November 2004 (SächsGVBI. S. 592) aus 27 gewählten Vertretern der Kreiselternräte und setzt sich aus jeweils einem Vertreter der Grundschulen, der Förderschulen, der Mittelschulen, der Gymnasien und der berufsbilden­den Schulen aus jedem RegionalsteIlenbereich zusammen. Hinzu kommen ein Vertreter der Schulen in freier Trägerschaft und ein Vertreter der Schulen im sorbischen Siedlungsgebiet. Gemäß § 23 Abs. 2 EMVO erfolgt die Wahl des Vertreters der Schulen im sorbischen Sied­lungsgebiet durch die Vorsitzenden der Elternräte oder durch die gewählten Vertreter der betreffenden Schulen. Die Amtszeit beginnt mit der Annahme der Wahl und dauert zwei Jah­re.

Gemäß § 49 Abs. 2 SchulG vertritt der Landeselternrat Sachsen die schulischen Interessen der Eltern aller Schulen und berät das Sächsische Staatsministerium für Kultus in allgemei­nen Fragen des Erziehungs- und des Unterrichtswesens. Er kann Vorschläge und Anregun­gen unterbreiten. Das Sächsische Staatsministerium für Kultus unterrichtet den LandeseI­ternrat über alle grundsätzlichen, die Schulen des Landes gemeinsam interessierende Fra­gen und ist verpflichtet, ihm die notwendigen Auskünfte zu erteilen (§ 30 EMVO).


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2.3       Stiftung für das sorbische Volk

Die Stiftung für das sorbische Volk ist das gemeinsame Instrument des Bundes und der beiden Länder Brandenburg und Sachsen für die Bewahrung und Entwicklung, Förderung und Verbreitung der sorbischen Sprache, Kultur und Traditionen als Ausdruck der Identität des sorbischen Volkes. Sie wurde am 19.10.1991 errichtet.

Am 25.11.2006 beging die Stiftung für das sorbische Volk mit einer Festveranstaltung im Saal des Sorbischen Museums Bautzen ihr 15-jähriges Gründungsjubiläum. Das Gründungs­jubiläum sollte Anlass sein, allen an der Finanzierung Beteiligten für ihr Engagement zur Stärkung der sorbischen Sprache, Kultur und des Identitätsbewusstseins des sorbischen Volkes zu danken. Den Festvortrag hielt der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen.

Auf der Grundlage des Staatsvertrages zur Errichtung der „Stiftung für das sorbische Volk“ vom 28. August 1998 und des dazugehörigen Finanzierungsabkommens arbeitet die Stiftung seit dem 01.01.1999 als selbständige Stiftung öffentlichen Rechts. Sie wird vom Bund sowie dem Land Brandenburg und dem Freistaat Sachsen mit jährlichen Zuwendungen nach Maß­gabe der jeweiligen Haushalte und gemäß Abkommen zur gemeinsamen Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk gefördert. Dabei brachten bis zum Auslaufen des Finanzie­rungsabkommens Ende 2007 jeweils etwa der Bund die Hälfte, der Freistaat Sachsen ein Drittel und das Land Brandenburg ein Sechstel der Finanzierung auf.

Im Ergebnis einer Evaluierung der Stiftung durch das Bundesverwaltungsamt (BVA) Köln reduzierte der Bund erstmalig im Jahr 2004 seinen Anteil deutlich. Statt bisher 8.181 Mio. Euro betrug die Finanzierung an die Stiftung nunmehr 7.880 Mio. Euro. Der Frei­staat Sachsen und das Land Brandenburg behielten ihren Finanzierungsanteil bei. Trotz Pro­testen der Vertreter des sorbischen Volkes, von Abgeordneten und der Sächsischen Staats­regierung kürzten der Bund und das Land Brandenburg in den weiteren Jahren wie folgt (Angaben in Euro):

 

Haushaltsjahr

Bund

Land Brandenburg

Freistaat Sachsen

Summe

2004

7.880.000

2.726.900

5.453.800

16.060.700

2005

7.725.000

2.575.000

5.453.800

15.753.800

2006

7.600.000

2.575.000

5.453.800

15.628.800

2007

7.600.000

2.575.000

5.453.800

15.628.800

Allein Sachsen behielt seinen Anteil bei.


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Um rechtzeitig ein neues Finanzierungsabkommen auf den Weg zu bringen – das jetzige war nur bis zum 31.12.2007 gültig – wurden insbesondere im Jahr 2006 seitens des Freistaates Sachsen, des Parlamentarischen Beirates der Stiftung für das sorbische Volk und der Vertre­ter der Sorben verstärkt Anstrengungen unternommen (siehe Punkt 1.4). Mehrfach hatten vor Beginn der Haushaltsverhandlungen der Vorsitzende des Stiftungsrates und der Direktor der Stiftung vor den Mitgliedern der einzelnen Fraktionen und Ausschüsse des Deutschen Bundestages die Tätigkeit der Stiftung vorgestellt und somit auf das Besondere der sorbi­schen Kultur und die Einmaligkeit der sorbischen Einrichtungen hingewies.en. Sinkende Zu­schüsse der letzten Jahre sowie kontinuierliche Tarifsteigerungen bedrohen deren weitere Existenz.

Der Fehlbedarf der Stiftung für das sorbische Volk stellt sich ausgehend von den derzeitigen Strukturen gemäß einer Hochrechnung der Stiftung wie folgt dar (Angaben in Euro):

 

2008

2009

2010

2011

2012

16.479.800,00

17.055.800,00

17.692.800,00

18.484.800,00

18.883.800,00

Seitens der Vertreter des sorbischen Volkes wird gemäß dem „Memorandum zur weiteren Existenz des sorbischen Volkes in der Bundesrepublik Deutschland“ vom Februar 2008 fol­gende Forderung erhoben: 16,4 Mio. Euro für 2008 zuzüglich einer jährlichen Teuerungsrate von 2 %:

Infolge ihrer bisher nicht erfüllten Erwartungen haben die Vertreter des sorbischen Volkes in der Sitzung am 27.03.2008 den Stiftungsrat der Stiftung für das sorbische Volk verlassen. Seither haben sie wiederholt erklärt, dass sie die Mitarbeit erst wieder aufnehmen würden, wenn ihre Erwartungen aus dem „Memorandum zur weiteren Existenz des sorbischen Vol­kes“ erfüllt würden.

Der Parlamentarische Beirat der Stiftung für das sorbische Volk hat in seiner Sitzung am 10.03.2008 erklärt, dass das Abkommen möglichst unbefristet, mindestens aber zehn Jahre gelten solle. Außerdem sollen der Stiftung 16,4 Mio. Euro sowie 1% Inflationsrate zur Verfü­gung gestellt werden (8,2 Mio. Euro Bund, 8,2 Mio. Euro Sachsen und Brandenburg plus Inflationsausgleich). Infolge von Prüfungen des Bundesverwaltungsamtes und des Bundes­rechnungshofes wurde nach entsprechend geäußerten Erwartungen des Haushaltsaus­schusses des Deutschen Bundestages der Bedarf nach einem Gesamtkonzept zur struktu­rellen Entwicklung auf dem Gebiet der sorbischen Sprache und Kultur in den Gremien der Stiftung für das sorbische Volk thematisiert. Im Ergebnis hat die Stiftung für das sorbische


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Volk in der Stiftungsratssitzung am 07.05.2008 (ohne die Vertreter des sorbischen Volkes) die Vergabe eines Gutachtens zur Evaluierung der Stiftungsarbeit beschlossen. Ein Zwi­schenergebnis wird für den 31.12.2008 erwartet, das Endergebnis soll bis 31.05.2009 vorlie­gen.

Die Grundzüge der Tätigkeit der Stiftung und deren jährlichen Haushaltsplan beschließt der Stiftungsrat. Dem Stiftungsrat gehören 15 Mitglieder an, darunter sechs Vertreter des sorbi­schen Volkes. Am 22.03.2007 hat sich der Stiftungsrat neu konstituiert, da die Amtszeit des bisherigen Stiftungsrates beendet war. Den Vorsitz hat zum ersten Mal eine Frau aus der Niederlausitz.

Der Parlamentarische Beirat der Stiftung unterstützt und berät den Stiftungsrat. Er hat ein umfassendes Auskunftsrecht. Ihm gehören je zwei Mitglieder des Deutschen Bundestages, des Sächsischen und des Brandenburgischen Landtages an. Der derzeitige Vorsitzende des Parlamentarischen Beirates ist gleichzeitig Mitglied des Sächsischen Landtages.

Die Stiftung für das sorbische Volk hat ihren Sitz in Bautzen, eine AußensteIle in Cottbus und Regionalbüros in Schleife, Hoyerswerda und Crostwitz. Die Geschäfte führt der Direktor. In der Stiftungsverwaltung arbeiten 30 Angestellte. Neben den Abteilungen Finanzverwaltung

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und Liegenschafts- und Objektverwaltung gehören auch die Sorbische Kulturinformation in

Bautzen sowie die Sorbische Kulturinformation „Lodka“ in Cottbus zur Stiftungsverwaltung.

Der Sächsische Rechnungshof (SRH) rügte in vorangegangenen Jahresberichten die Ein­gruppierungen des Personals in der Stiftung für das sorbische Volk (2001), der Domowina ­Bund Lausitzer Sorben e. V. (2005) und dem Sorbischen Institut e. V. (2003). Die Stiftung nahm die Kritik des SRH zum Anlass, die entsprechenden Eingruppieruhgen von einer ex­ternen Firma überprüfen zu lassen. Als Ergebnis wurden umfangreiche Rückgruppierungen vorgenommen, die zu einer jährlichen Einsparung von etwa 52,5 Tsd. Euro führen werden (Bericht des SRH 2006).

Die Sorbische Kulturinformation in Bautzen ist eine Dienstleistungseinrichtung der Stiftung für das sorbische Volk und informiert Besucher über Geschichte und Gegenwart der Sorben. In den Räumen der Kulturinformation finden regelmäßig Ausstellungen mit sorbischer Kunst· statt. Um dem Anspruch einer modernen Informationsstätte für Kultur und Geschichte der Sorben gerecht zu werden, wurden die Räume der Sorbischen Kulturinformation im Erdge­schoss des Hauses der Sorben im Jahr 2006 umfangreich saniert und teilweise umgebaut. Grundlage für die Neugestaltung des Eingangsbereiches sowie der bisherigen Räumlichkei-


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ten bot die Diplomarbeit einer sorbischen Architekturstudentin. Parallel dazu wurde eine neue Ausstellungskonzeption zur inhaltlichen und ästhetischen Neugestaltung der Informati­onseinrichtung in Auftrag gegeben. Am 19. 10.2006, dem 15. Jahrestag der Gründung der Stiftung für das sorbische Volk, wurde die Sorbische Kulturinformation auf dem Postplatz in Bautzen feierlich wiedereröffnet.

Folgende sorbische Einrichtungen werden durch die Stiftung für das sorbische Volk institu­tionell gefördert:

– Sorbisches National-Ensemble GmbH, Bautzen

– Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V.

– WIT AJ-Sprachzentrum

– Domowina-Verlag GmbH, Bautzen

– Sorbisches Museum Bautzen

– Wendisches Museum Cottbus

– Sorbisches Institut e. V., Bautzen

– Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur Cottbus.

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen wird auf Basis der Projektförderung durch die Stiftung mitfinanziert.

Ein wichtiger Eckpfeiler der Stiftungstätigkeit ist nach wie vor die Förderung kultureller Aktivi­täten auf der Basis der Projektförderung. Sorbische Vereine aus der Ober- und Niederlausitz, Schulen und Gemeinden, Kultur- und Brauchtumsgruppen sowie Heimatstuben werden bei den vielfältigsten Vorhaben finanziell und teilweise auch organisatorisch unterstützt. Zu die­sen Projektvorhaben zählen u. a. die Pflege des sorbischen Volkstanzes und Liedgutes durch sorbische Chöre bzw. Volkskunstensembles, Kurse zum Erlernen der sorbischen Sprache an Kreisvolkshochschulen und in Vereinen, Kunstprojekte wie Kammerkonzerte, Ausstellungen bildender Kunst, Lesungen sowie die Anfertigung von sorbischen Volkstrach­ten und Trachtenteilen. Besonders große Vorhaben sind das WIT AJ-Projekt des Sorbischen Schulvereins e.V. zum Erlernen der sorbischen Sprache in Kindertagesstätten und Schulen oder das im Zweijahresrhythmus stattfindende Internationale Folklorefestival „Łužica ­- Lausitz“ .


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Die Stiftung ist auch selbst Initiator und Organisator von Projekten. Unter der Regie ihrer Mitarbeiter werden Wettbewerbe zur Gewinnung und Förderung musikalischen und literari­schen Nachwuchses veranstaltet, finden Kindertheatertage und Tage der sorbischen Musik statt. Ausschreibungen dienen der Entstehung neuer Musikkompositionen und der Entwick­lung neuer sorbischer Dramatik, die Herausgabe sorbischer Theaterstücke fördert das sorbi­sche Laientheaterschaffen. Mit der Hilfe vpn Zuweisungen an kommunale Träger zur Finan­zierung sorbischer Schulbücher mindert die Stiftung Mehraufwendungen, die sich durch den Sorbischunterricht an sorbischen Schulen für Schulträger ergeben.

Dem Stiftungszweck entsprechend werden seit 1996 regelmäßig Stipendien für ein zwei­semestriges Teilstudium am Institut für Sorabistik der Universität Leipzig an Studenten aus dem osteuropäischen Ausland vergeben

Die Stiftung ist Auftraggeber für die Produktion von Tonträgern mit sorbischer Musik, Compu­terspielen für Kinder, Filmen insbesondere in sorbischer Sprache sowie für die Herausgabe von Notenmaterial mit sorbischer Musik. Zudem gibt sie mehrsprachige Informationsbroschü­ren zu Leben und Geschichte der Sorben in Vergangenheit und Gegenwart heraus.

Zu den bedeutendsten Projekten der letzten vier Jahre zählen die „Sorbischen Kulturtage“ in der Hauptstadt der Tschechischen Republik Prag im Mai 2005 als eine gemeinsame Verans­taltung der Stiftung, der Domowina e.V. und des Sorbischen Museums in Bautzen sowie die 5. Tage der sorbischen Musik vom 02.04.2004 bis 13.11.2004 unter der Schirmherrschaft des damaligen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen mit in­sgesamt 35 Veranstaltungen.

Mit dem erstmalig 1995 ausgelobten Ćišinski-Haupt- und Förderpreis der Stiftung für das sorbische Volk werden im Zweijahresrhythmus auf Vorschlag des Cisinski-Kuratoriums he­rausragende Leistungen auf dem Gebiet der sorbischen Kultur, Kunst und Wissenschaft ge­würdigt.

Mit der Wanderausstellung „Serbja w Němskej – Die Sorben in Deutschland“ informiert die Stiftung für das sorbische Volk seit 1993 anhand von Tafeln, Trachtenfigurinen, Vitrinen, Ausstellungsexponaten und Videofilmen über Leben und Geschichte des kleinen slawischen Volkes. Die Sächsische Landesgartenschau in Oschatz war vom 25. bis 30.06.2006 der bis­her 44. Ort dieser Präsentation.


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Einen Gesamtüberblick über die Stiftungstätigkeit enthält der alle drei Jahre erscheinende Bericht der Stiftung für das sorbische Volk. Im Herbst 2007 erschien der Jahresbericht der Stiftung 2004 bis 2006.


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            2.4       Erziehung, Bildung und Wissenschaft

2.4.1 Kindertageseinrichtungen

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Freistaat Sachsen gewährleisten die Vermittlung und Pflege sorbischer Sprache und Kultur in Kindertageseinrichtungen des sorbischen Sied­lungsgebietes. Das Sächsische Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtun­gen (Gesetz über Kindertageseinrichtungen – SächsKitaG) in der Fassung der Bekanntma­chung vom 29. Dezember 2005 (SächsGVBI. 2006 S. 2) enthält in § 2 den Auftrag: „Kinder­tageseinrichtungen im sorbischen Siedlungsgebiet sollen dazu beitragen, dass die sorbische Sprache und Kultur vermittelt und gepflegt und sorbische Traditionen bewahrt werden“. Die­ser Auftrag wird in § 20 des Gesetzes näher ausgeführt:“ln Kindertageseinrichtungen des sorbischen Siedlungsgebietes werden auf Wunsch der Eltern sorbischsprachige oder zweisprachige Gruppen gebildet. Näheres über die Arbeit in diesen Einrichtungen sowie ihre Förderung regelt das Staatsministerium für Soziales durch Rechtsverordnung“. Die Rechts­verordnung wurde im Jahr 2006 novelliert und regelt die. Voraussetzungen, das Ziel sowie die Verfahrensweise zur Förderung der sorbischen und zweisprachigen Kindertageseinrich­tungen (Genauere Angaben zu dieser Verordnung s.u.).

Ein deutschsprachiges Umfeld und ‚deutschsprachige Medien dominieren auch im sorbi­schen Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen. Sorbische Kinder werden so in ihrem Sprachgebrauch von der deutschen Sprache in wichtigen Bereichen ihres Lebens beein­flusst. Infolge dessen droht die Verdrängung der sorbischen durch die deutsche Sprache. Unter diesen Bedingungen ist die zweisprachige Bildung und Erziehung vom Kleinkindalter an von besonderer Bedeutung. Die Sprechgewohnheiten der Kinder untereinander bilden sich in dieser Altersstufe heraus. Die Weitergabe der sorbischen Sprache an die nächste Generation ist insbesondere davon abhängig, inwieweit Kinder untereinander sorbisch kom­munizieren. Versäumnisse in dieser Alt~rsstufe können später kaum nachgeholt werden.

Sorbische Kindertageseinrichtungen in Orten des sorbischen Siedlungsgebietes, in del“)en der größte Teil der Einwohner sorbischsprachig ist, kommen diesem Anliegen in besonde­rem Maße nach. In diesen Einrichtungen ist die Umgangssprache weitgehend sorbisch. Trä­ger sorbischer Kindertageseinrichtungen sind Kommunen und auch freie Träger. Kinder, die diese Einrichtungen besuchen, wachsen größtenteils mit der sorbischen Sprache als Mut­tersprache auf. Bei etwa der Hälfte der sorbischen Kindertageseinrichtungen kann davon ausgegangen werden, dass der Anteil derjenigen Kinder, mit denen beide Elternteile sor-


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bisch sprechen, knapp über der Hälfte liegt. Bei den anderen Kindern ist überwiegend ein Elternteil sorbisch. Alle weiteren Kinder stammen aus deutschsprachigen Familien.

Als besonders intensive Möglichkeit, Kinder deutsch-sorbischer oder ausschließlich deutsch sprechender Familien zweisprachig aufwachsen zu lassen, hat sich die Immersionsmethode (WITAJ-Projekt) erwiesen. Kinder, in deren Elternhäusern in der Regel deutsch gesprochen wird, tauchen in der Kindertageseinrichtung in eine vollständige sorbische Sprachumgebung ein. Sie erwerben so Grundkenntnisse in der sorbischen Sprache.

Das WIT AJ- Projekt, das 1998 anlief, hat inzwischen im Freistaat Sachsen weite Verbreitung gefunden – in sorbischen Kindergärten gleichermaßen wie in zweisprachigen. Da keine der sorbischen Kindertagesstätten ausschließlich über Kinder mit muttersprachlichen Sorbisch­kenntnissen verfügt, bestehen die Gruppen aus sorbischen Kindern sowie Kindern, die keine bzw. nur Grundkenntnisse des Sorbischen haben, aber die Sprache spielerisch lernen (WI­TAJ-Kinder). In drei der sorbischen Kindertageseinrichtungen (Crostwitz, Ostro, Ralbitz) wird in allEm Gruppen – unabhängig von den Ausgangssprachkenntnissen der Kinder – die Me­thode der vollständigen Immersion angewandt (WITAJ – Gruppen). In zwei weiteren sorbi­schen Kindertagesstätten (Bautzen, Panschwitz-Kuckau) wird unterschieden zwischen WI­TAJ-Gruppen und zweisprachigen Gruppen. In den letztgenannten werden Sorbisch­kenntnisse in eingeschränktem Maße vermittelt, nicht aber nach dem Immersionsprinzip. In weiteren vier der sorbischen Kindertagesstätten (Nebelschütz, Räckelwitz, Radibor, Soll­schwitz), die überwiegend Kinder besuchen, die aus sorbischen, deutsch-sorbischen sowie aus deutschen Familien stammen, wird den Kindern die sorbische Sprache vermittelt, jedoch nicht nach dem Immersionsprinzip, welches ein konsequentes Eintauchen in die Sprache verlangt. Außerdem gibt es im sorbischen Siedlungsgebiet Sachsens vier WITAJ­Kindertagesstätten (Dörgenhausen, Malschwitz, Neustadt, Rohne). In diesen wird den Kin­dern in allen Gruppen das Sorbische nach der vollständigen Immersionsmethode vermittelt. Im Unterschied zu den, sorbischen Kindertagesstätten mit dem WITAJ-Projekt werden hier Kinder betreut, die nur in Ausnahmefällen sorbische Sprachvorkenntnisse haben. Ebenfalls überwiegend am Rande des sorbischen Siedlungsgebietes gibt es in Sachsen acht zwei­sprachige Kindertagesstätten, in denen zwar die Anzahl der deutschsprachigen Gruppen überwiegt, die aber auch eine bzw. zwei WIT AJ-Gruppen, in denen die meist aus deutsch­sprachigen Elternhäusern stammenden Kinder spielerisch Sorbisch lernen (Bautzen, Bergen, Hochkirch, Königswartha, Musc,helwitz, Neschwitz, Radibor, Schwarzkollm), anbieten.


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Die jüngsten Gruppen befinden sich in Hochkirch, Königswartha (gegründet 2005) und Mu­schelwitz (zweite Gruppe 2007 gegründet). Weitere Gründungen von WITAJ-Gruppen sind geplant. Das WITAJ-Projekt wird vom Sorbischen Schulverein e.V. und dem WITAJ­Sprachzentrum fachlich betreut. Eine Broschüre zum Thema“ 1 0 Jahre Modellprojekt WIT AJ“ des Sorbischen Schulvereins e.V. gibt einen guten Überblick zu diesem Thema.

Das Erlernen der sorbischen Sprache in einer WIT AJ-Gruppe wird durch die ganztägige Be­treuung in sorbischer Sprache erheblich gefördert. Dieser Anspruch kann jedoch nicht immer erfüllt werden. Einige Kinder besuchen nur halbtags oder stundenweise die Kindereinrichtun­gen, so dass der Kontakt mit der sorbischsprachigen Umgebung in der Kindereinrichtung nur auf diese relativ kurze Zeit begrenzt ist. Darüber hinaus arbeiten in den Kindereinrichtungen mit WIT AJ-Angeboten noch nicht überall in der ausreichenden Anzahl Erzieherinnen mit den dafür erforderlichen sorbischen Sprachkenntnissen.

Ausgehend von diesen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen regelt die Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales zur Förderung der sorbischen Sprache und Kultur in Kindertageseinrichtungen (SächsSorbKitaVO) die finanzielle Unterstützung des Freistaates zur Förderung der sorbischen Sprache in den Kindertageseinrichtungen neu. Je Gruppe kann der Träger der Einrichtung einen Zuschuss des Freistaates Sachsen in Höhe von 5.000 Euro jährlich erhalten. Dafür sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen: Die Kin­der sind mit dem Ziel einer umfassenden Zweisprachigkeit zu fördern. Dabei sind die Vor­aussetzungen zu schaffen, um den Kindern den Besuch einer sorbischen Grundschule zu ermöglichen. Bei der Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder ist in der Regel sorbisch zu sprechen. Soweit bei den Kindern die Kenntnisse der deutschen Sprache nicht altersge­mäß entwickelt sind, ist auch das Erlernen der deutschen Sprache ausreichend zu unterstüt­zen. Die pädagogischen Fachkräfte müssen der sorbischen und der deutschen Sprache mächtig sein. Die Träger haben darauf hinzuwirken, dass für die sorbischsprachige Betreu­ung Fachkräfte eingesetzt werden, die die sorbische Sprache in muttersprachlicher Qualität beherrschen. Auch der Verwendungszweck des Landeszuschusses ist in der neuen Verord­nung klar geregelt: 88 % des Zuschusses, also 4.400 Euro jährlich sind für zusätzliches pä­dagogisches Fachpersonal einzusetzen. 12 %, also 600 Euro, stehen für die Finanzierung des spezifischen Bedarfes an Fachberatung oder Fortbildung zur Verfügung.

Bei Inkrafttreten dieser neuen, zielgerichteten Förderung der sorbischen Sprache im Jahr 2007 wurde für 71 Gruppen in sorbischen und zweisprachigen Kindertageseinrichtungen der Landeszuschuss ausgezahlt (davon 51 Gruppen bei freien Trägern, 20 Gruppen bei kommu­nalen Trägern).


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Damit haben 37 Gruppen, die nach der bis zum Jahr 2006 geltenden SorbKitaVO Landes­zuschüsse erhielten, die Fördervoraussetzungen nach der neuen Verordnung nicht erfüllt. Ziel der neuen Verordnung ist es, auch in diesen Gruppen die Förderung der sorbischen Sprache effektiver zu gestalten. Im Jahr 2008 erhöhte sich die Anzahl der förderfähigen Gruppen bereits auf 75 Gruppen (davon 54 Gruppen bei freien Trägern, 21 Gruppen bei kommunalen Trägern).

2.4.2 Schulen

Das Sächsische Schulgesetz sowie die darauf basierenden Verordnungen sichern allen Kindern und Jugendlichen, deren Eltern es wünschen, grundsätzlich das Recht auf sorbi­schen Sprachunterricht sowie auf Fachunterricht in sorbischer Sprache entsprechend der geltenden Stundentafel an Schulen des deutsch-sorbischen Siedlungsgebietes zu, wenn sich eine ausreichende Anzahl von Eltern dafür entscheidet.

Die Sächsische Staatsregierung beabsichtigt, zur Umsetzung des Landtagsbeschlusses 4/5514 „Entwicklung des sorbischen Schulwesens“ Anfang des Jahres 2009 nach Vorlage und Bescheidung der Beschlüsse aller betroffenen Landkreise und der Kreisfreien Stadt Hoyerswerda zur Schulnetzplanung im sorbischen Siedlungsgebiet, einen Bericht vorzule­gen.

Auf der Grundlage des im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus gemein­sam vom Sächsischen Bildungsinstitut, der Domowina e.V., dem Sorbischen Schulverein e.V., den sorbischen Schulen und der Sächsischen Bildungsagentur, RegionalsteIle Bautzen, erarbeiteten schulartübergreifenden Konzeptes ,,2plus – Die zweisprachige sorbisch­deutsche Schule“ wurden an allen sechs sorbischen Grundschulen, der Grundschule Schlei­fe, den sorbischen Mittelschulen, der Mittelschule Schleife und am Sorbischen Gymnasium Bautzen des Freistaates Sachsen zweisprachige Klassen bzw. Gruppen eingeführt und das Konzept evaluiert.

Ziel des Unterrichtes an diesen Schulen nach dem genannten Konzept ist es, sowohl Kinder aus sorbischsprachigen Familien als auch Kinder aus gemischtsprachigen und deutschspra­chigen Elternhäusern zur aktiven sorbisch-deutschen Zweisprachigkeit zu führen. Im Schul­jahr 2001/2002 haben für alle beteiligten Lehrkräfte die für ein derartiges Vorhaben notwen­digen Fortbildungsmaßnahmen begonnen.


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Mit Beginn des Schuljahres 2002/2003 wurde an den Projektschulen im Grundschulbereich und ab dem Schuljahr 2006/2007 im Mittelschul- und Gymnasialbereich die Erprobung des Konzeptes 2plus und die wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Hamburg abge­sichert, die sich über sechs Jahre erstreckt. Gewonnene Erkenntnisse werden bereits wäh­rend der Erprobungsphase im Schulalltag, bei der Lehrplaneinführung und der Schulentwick­lung berücksichtigt.

Die bereits vorliegenden Zwischenergebnisse belegen, dass sich die Rahmenbedingungen des Konzeptes 2plus positiv auf die Sprachentwicklung der Projektschüler auswirken und Sprachbildungsprozesse bei sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen unter Nutzung aller Potenzen der zweisprachigen Region erfolgreich verlaufen.

An der Grundschule in Hoyerswerda am Adler „Handrij Zejler“ wird nach dem gleichen Kon­zept, inzwischen in eigenständigen Klassen, im Rahmen eines regionalen Projektes gearbei­tet, an der Grundschule Wittichenau läuft ein diesem Konzept angelehntes regionales Projekt im Rahmen des Schul programms dieser Grundschule.

Darüber hinaus wird derzeit an einer sorbischen Grundschule im sorbischen Siedlungsgebiet im Freistaat Sachsen das Fach Sorbisch als Fremdsprache unterrichtet. An 17 anderen Grundschulen im sorbischen Siedlungsgebiet wird Sorbisch als Zweitsprache bzw. Fremd­sprache angeboten. Die Beschäftigung mit dem Brauchtum der Sorben fließt bei vielen wei­teren Grundschulen im sorbischen Siedlungsgebiet in die Gestaltung des Schullebens ein.

Im Bereich der Mittelschulen gibt es im Schuljahr 2008/2009 vier sorbische Mitt~lschulen im Landkreis Bautzen. Zum Schuljahresende 2006/2007 wurde die sich in Trägerschaft des ehemaligen Landkreises Kamenz befindliche Sorbische Mittelschule Panschwitz-Kuckau wegen zu geringer Schülerzahlen aufgehoben. Die vom Gesetz gegebene Garantie zum Erlernen der sorbischen Sprache, zur Erteilung des sorbischsprachigen Sachfachunterrichts und zur Pflege und Erhalt der sorbischen Sprache als tragendes Identitätsmerkmal des sor­bischen Volkes, wurde durch diese Zusammenfassungen bisheriger Standorte nicht einge­schränkt. Diese waren Voraussetzung, umfassende Bildungsmöglichkeiten auch für sorbi­sche Schüler zu sichern.


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An der Mittelschule Wittichenau wird Sorbisch als fakultativer Sprachunterricht angeboten. Ebenso wie für alle anderen Fächer wurde auch für das Fach Sorbisch ein neuer Lehrplan entwickelt. Dazu wurde eine spezielle Stundentafel für künftig zweisprachige sorbisch­deutsche Mittelschulen zugrunde gelegt. Das Modell der Führung von Klassen mit Sorbisch als Muttersprache und Klassen mit Sorbisch als Zweitsprache ist somit auslaufend.

Das Sorbische Gymnasium Bautzen vermittelt wie alle anderen Gymnasien im Freistaat Sachsen die allgemeine Bildung, die für ein Hochschulstudium vorausgesetzt wird. Es ist das einzige Gymnasium, in dem obersorbische Schüler eine vertiefte sprachliche und literarische Bildung im Fach Sorbisch erlangen können. Die Zweisprachigkeit bestimmt das schulische Leben am Sorbischen Gymnasium in besonderem Maße. Alle Schüler erlernen Sorbisch entweder als Muttersprache oder Zweitsprache. Die Sonderkosten, die dies’er Schule aus der Zweisprachigkeit erwachsen, werden durch Landeszuschüsse abgedeckt.

Der Unterricht am Sorbischen Gymnasium kann zurzeit durch sorbischsprachiges Lehrerper­sonal gesichert werden. Um auch fächerspezifisch sorbisch sprechende Lehrer zur Verfü­gung zu haben, führt seit dem Schuljahr 2001/2002 das Staatsministerium für Kultus ge­meinsam mit der Sächsischen Bildungsagentur, RegionalsteIle Bautzen, des Domowina e.V. und dem Sorbischen Schulverein e. V. regelmäßig Werbeveranstaltungen am Sorbischen Gymnasium Bautzendurch, um junge Sorben für ein Lehrerstudium zu gewinnen. Die zu­ständige RegionalsteIle Bautzen bietet dabei Interessenten bei Erfüllung notwendiger Vor­aussetzungen eine Einstellungsgarantie in der Oberlausitz nach Beendigung ihres Studiums (s.u.).

Mit der Möglichkeit zum Aufenthalt im Internat des Sorbischen Gymnasiums wird ein nicht unerheblicher Beitrag zur Bewahrung und Pflege der sorbischen Sprache und Kultur geleis­tet. Das Internat ist erforderlich, weil die Schule Schüler aus dem gesamten sächsisch­sorbischen Gebiet aufnimmt. Im Jahr 2002 ging die Trägerschaft des Internates vom Land­kreis Bautzen auf den Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V. bzw. das WITAJ­Sprachzentrum über (s.u.). 2008 konnte das bisherige Internatsgebäude aus brandschutz­technischen Gründen nicht mehr als Wohnunterkunft genutzt werden. Die Schüler wurden vorübergehend in einem anderen Internatsgebäude untergebracht. Mittlerweile ist der Abriss und Neubau des Internates an seinem ursprünglichen Standort geplant.

Zum Schulhalbjahr 2007/2008 wurde das Sorbische Schul- und Begegnungszentrum in Bautzen (SSBZ) eingeweiht. Unter dem Dach des SSBZ lernen seit Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2007/2008 Grund- und Mittelschüler sowie Gymnasiasten. Dabei handelt es


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sich nicht nur um Kinder aus sorbischen Familien. Das Sorbische Schul- und Begegnungs­zentrum Bautzen spielt eine wichtige Rolle für die Fortsetzung des WIT AJ-Projektes. Die Schüler kommen nicht nur aus dem Landkreis Bautzen, sondern auch aus anderen sächsi­schen Landkreisen und sogar aus anderen Bundesländern. Beim SSBZ wurde eine Summe von insgesamt 11 Mio. Euro investiert. Über zwei Drittel des Anteils (8 Mio. Euro) an dieser Finanzierung wurden vom Freistaat Sachsen getragen.

Das Sorbische Gymnasium trägt in besonderem Maße Sorge für die Aufnahme, Aneignung und Entwicklung der sorbischen Musik, Literatur, der bildenden Kunst, aber auch volkskünst­lerischer Traditionen in Musik und Tanz. Für alle Schüler gilt, dass das Lernen der sorbi­schen Sprache und die Beschäftigung mit der sorbischen Kultur vom Unterricht ausgehend in anderen Formen weiter geführt werden. So wird z. B. aus verschiedenen Arbeitsgemein­schaften das Schulensemble des Sorbischen Gymnasiums gebildet, das in den vergangenen Jahren im kulturellen Leben der Sorben einen wichtigen Platz eingenommen hat.

Durch gemeinsame Projekte mit sorbischen Institutionen wie beispielsweise dem Sorbischen Institut e.V., dem Domowina-Verlag GmbH mit der Tageszeitung „Serbske Nowiny“, der sor­bischen Redaktion des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr) oder dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen wird die sprachlich-kulturelle und sprachlich-mediale Ausbildung ge­fördert.

  Außer am Sorbischen Gymnasium wird sorbischer Sprachunterricht als Fremdsprache an einem Gymnasium in Hoyerswerda angeboten.

Das Sächsische Staatsministerium für Kultus sichert sowohl den durch die besonderen Be­dingungen der Klassen- und Gruppenbildung für den Sorbischunterricht entstehenden erhöh­ten Stundenbedarf und Personaleinsatz als auch die Fortführung von Klassen an Grund­schulen, Mittelschulen und Gymnasien ab. Dabei wird das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf besondere Förderung der sorbischen Sprache beachtet.

Die Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien für den Sorbischunterricht sowie für den sor­bischsprachigen Fachunterricht werden seit dem 01.01.2001 von dem im Jahr 2001 neu ge­gründeten WITAJ-Sprachzentrum herausgegeben und im Domowina-Verlag GmbH verlegt und vertrieben.

Das WITAJ-Sprachzentrum befindet sich in Trägerschaft der Domowina e.V. und koordi­niert, initiiert und organisiert sprachfördernde Maßnahmen und Projekte. So werden über das


 

· .


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WIT AJ-Sprachzentrum u. a. die sprachliche Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen und Lehrern in zweisprachigen Kindertageseinrichtungen und Schulen oder Begegnungen sorbi­scher Kinder aus den verschiedenen Regionen der Lausitz abgesichert. Ebenso werden die ober- und niedersorbischen Kinderzeitschriften „Pfomjo“ und „Pfomje“ und die Fachzeitschrift für sorbischsprachige Lehrer und Erzieher „Serbska Sula“ vom WIT AJ-Sprachzentrum he­rausgegeben und vom Domowina-Verlag GmbH verlegt und vertrieben. Darüber hinaus un­terstützt das WIT AJ-Sprachzentrum als Mitglied einer Arbeitsgruppe die Arbeit nach dem schulartübergreifenden Konzept „Die zweisprachige sorbisch-deutsche Schule“ und dessen Evaluation.

Der 1991 gegründete Sorbische Schulverein e.V. vertritt als Fachverein und Mitglied des Dachverbandes sorbischer Vereine, der Domowina e.V., die Interessen der Sorben auf dem Gebiet des sorbischen Vorschul-, Schul- und Bildungswesens. In seiner Tätigkeit orientiert er sich besonders auf die Erhaltung und Entwicklung der sorbischen Sprache, Kultur und Tradi­tion unter der heranwachsenden Generation. Seine beratende und koordinierende Funktion erstreckt sich auf das sorbische Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg. Die staatliche Hoheit im Bildungswesen bleibt dabei unangetastet. Der Sorbi­sche Schulverein e.V. wirkt gemeinsam mit der Domowina e.V. an der Schaffung gesetzli­cher Regelungen für den sorbischen Bereich initiierend und beratend mit.

Zur Förderung des sorbischsprachigen Unterrichts und zur emotionalen Bindung an Sprache und Kultur werden schulergänzend vom Sorbischen Schulverein e.V. mit finanzieller Unters­tützung der Stiftung für das sorbische Volk alljährlich zentrale Wettbewerbe der ober- und niedersorbischen Sprache und spezielle Sprachferienlager durchgeführt.

Der Sorbische Schulverein e.V. ist freier Träger von sechs WITAJ-Kindertagesstätten, von denen sich vier im Freistaat Sachsen und zwei im Land Brandenburg befinden. Ihm gehören ca. 320 Mitglieder an. Der Sorbische Schulverein e.V. vertritt im Sächsischen Bildungsrat die Interessen der Sorben.

Alle sorbischen Schulen und solche mit sorbischem Sprachunterricht befinden sich in kom­munaler Trägerschaft. Private sorbische Schulen gibt es nicht. Träger sind in erster Linie die jeweiligen Sitzgemeinden. Eine Ausnahme bildet das Sorbische Schulzentrum Bautzen (SSBZ), dessen Träger der Landkreis Bautzen ist.

Vergleiche bei Abschlussprüfungen an den Mittelschulen haben ergeben, dass Schüler, de­ren Muttersprache Sorbisch ist, im Unterrichtsfach Deutsch im Verhältnis zu ihren deutsch-


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sprachigen Mitschülern gleiche und oftmals bessere Leistungen erzielen. Etwaige Befürch: tungen, dass sorbische Kinder die deutsche Sprache nicht in ausreichendem Maße erlernen könnten, sind unberechtigt. Diese Ergebnisse sind auch im Grundschulbereich feststellbar.

Am Institut für Sorabistik der Universität Leipzig wird der sorbische wissenschaftliche und Lehrernachwuchs ausgebildet. Hier können sowohl das studierte Fach Sorbisch im Leh­ramtsstudium als auch ein philologisches Studium der Sorabistik aufgenommen werden. Dies betrifft das Obersorbische (Freistaat Sachsen) und das Niedersorbische (Land Bran­denburg).

Durch die Novellierung des Sächsischen Hochschulzulassungsgesetzes (beschlossen vom Sächsischen Landtag am 10.09.2008)‘ soll ermöglicht werden, dass die Beherrschung der sorbischen Sprache bei der ,Zulassung zum Lehramtsstudium an der Universität Leipzig für Kombinationsfächer zur Sorbisch-Ausbildung ein wichtiges Kriterium ist. Für alle grundstän­digen Lehramtsstudiengänge gibt es eine Studien- und Prüfungsordnung. Um auch zukünftig eine ausreichende Zahl gut ausgebildeter Lehrer zu sichern, hat das Sächsische Staatsmi­nisterium für Kultus erklärt, dass den Absolventen des Sorbischen Gymnasiums Bautzen , eine Einstellung in den Schuldienst des Freistaates Sachsen zugesichert werden kann, wenn sie die sorbische Sprache in muttersprachlicher Qualität beherrschen und der erfolgreiche Abschluss der Lehrerausbildung (Erste und Zweite Staatsprüfung für ein Lehramt) in einer vom Regionalschulamt Bautzen benötigten Fächerkombination vorliegt (20 Lehramtsstuden­teninnen und -studenten waren im Wintersemester 2007/2008 eingeschrieben).

Das Sächsische Bildungsinstitut (SBI) führt in seiner Zuständigkeit für die zentrale Lehrer­fortbildung und die Fortbildung von schulischen Führungskräften und Lehrkräften mit beson­deren Aufgaben und Funktionen Fortbildungsmaßnahmen für den sorbischen Unterricht durch. Außerdem wird unter Federführung des SBI umfangreiches Arbeitsmaterial für den zweisprachigen Unterricht von Lehrkräften erarbeitet. Angebote zur regionalen Lehrerfortbil­dung für den sorbischen Unterricht werden von der Sächsischen Bildungsagentur, Regional­steIle Bautzen unterbreitet, organisiert und durchgeführt. Hier sind vor allem die bereits mehrfach angebotenen Kurse zum Erlernen der sorbischen Sprache hervorzuheben. Diese berufsbegleitenden Kurse, deren Teilnehmer ein Zertifikat erhalten, sind inzwischen sehr gefragt. Die Einführung des o. g. Konzepts des zweisprachigen Unterrichts fand großes Interesse. Auch das WITAJ-SprachzentrLim und der Sorbische Schulverein e.V. sind an der Fortbildung von Lehrkräften beteiligt (s.o.). Dies alles bietet die Plattform für den Erfahrungs­austausch unter den Lehrern und Erziehern, die in Projekten der zweisprachigen Bildung und Erziehung arbeiten.


 

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Ebenso werden im WIT AJ-Sprachzentrum neben den Schulbüchern für den Sorbisch- und den sorbischsprachigen Fachunterricht auch die jeweilige Fachterminologie und einige Nachschlagewerke erarbeitet.

Das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig bietet darüber hinaus Vorträge zur Lehrer­fortbildung in Sprachwissenschaften, Literaturwissenschaften und Didaktik an. Dies sind we­sentliche Maßnahmen, die die Aufnahme eines Lehramtsstudiums Sorbisch sowie die Leh­rerweiterbildung ermöglichen. Zusätzlich werden diese Maßnahmen durch die Zusammenar­beit der zuständigen Ministerien sowie der Vertreter der entsprechenden sorbischen Verbän­den und Einrichtungen (Sorbischer Schulverein, WITAJ-Sprachzentrum, Domowina-Verlag) unterstützt. Geplant wird für die nahe Zukunft die Aufnahme und Durchführung von Jahres­fachfortbildungs-Studiengängen für Lehrer aller Schularten an der Universität Leipzig für Obersorbisch (Sachsen) und Niedersorbisch (Brandenburg).

Zum Wintersemester 2008/2009 beginnt am Institut für Sorabistik ein konsekutiver Master­studiengang für Lehrer der Primarstufe des Landes Brandenburg.


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2.4.3 Berufliche- und Hochschulbildung

An der Sorbischen Fachschule für Sozialpädagogik im Beruflichen Schulzentrum für Wirt­schaft Bautzen wurde ein sorbischer Bildungsgang für den Beruf des staatlich anerkannten Erziehers eingerichtet. Dies ist die einzige berufsbildende Einrichtung mit spezieller sorbi­scher Ausrichtung. Die Fachschulabsolventen werden befähigt, Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsaufgaben zu übernehmen und in allen sozialpädagogischen Bereichen tätig zu sein. Gleichzeitig erwerben die Schüler und Schülerinnen Kenntnisse über die sorbische Sprache, Geschichte, Kultur, um diese selbst weitervermitteln zu können.

Gemäß § 12 Abs. 2 Sächsisches Sorbengesetz unterhält der Freistaat Sachsen eine univer­sitäre Forschungs- und Lehreinrichtung an der Universität Leipzig, das Institut für Sorabis-

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tik. Es ist die einzige universitäre Einrichtung in Deutschland, die Studierende für das Leh-

ramt in den Fächern Ober- und Niedersorbisch für alle Schularten, Magister im Haupt- und Nebenfach sowie seit dem Wintersemester 2006/2007 in Bachelor- und ab dem Winterse­mester 2009/2010 in Masterstudiengängen ausbildet. Darüber hinaus bietet es Sprachkurse für Hörer aller Fakultäten an. Für die in den Curricula vorgesehenen obligatorischen Fächer und die notwendige Vielfalt der Wahlmöglichkeiten in den Bereichen Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Landeskunde, Fachdidaktik, Sprachpraxis Ober- und/oder Niedersor­bisch für Mutter-, Zweit- und Fremdsprachler sind am Institut für Sorabistik entsprechende Planstellen, Stellen und Lehraufträge bereitgestellt. Auf den Gebieten Fachdidaktik und Obersorbisch werden Lehraufträge erteilt.

Durch die Mitarbeiter des Instituts für Sorabistik kann der Bereich Kulturstudien mit Ge­schichte, Kulturgeschichte, Volkskunde und Minderheitenfragen nicht abgedeckt werden. In diesem Lehrgebiet sind deshalb Mitarbeiter des Sorbischen Instituts e.V. als Lehrbeauftragte tätig.

Im Rahmen der Hochschulfinanzierung werden eine W3-Professur am Institut für Sorabistik sowie alle weiteren Stellen durch Sachsen (SMWK) bereitgestellt (mit Ausnahme einer hal­ben Stelle für Niedersorbisch durch das Land Brandenburg).

Eine Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Freistaat Sachsen und dem Land Branden­burg regelt die Aus- und Weiterbildung von Sorbischlehrkräften und Sorabisten neu. Beide Länder einigten sich darauf, dass die Universität Leipzig die alleinige Ausbildungsstätte für Sorbischlehrer und Sorabisten bleibt. Zwischenzeitlich wurde an der Universität Potsdam ein Lehrerfortbildungsstudiengang für Niedersorbisch durch die Stiftung für das sorbische Volk


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gefördert. Auch diese Aufgabe wurde gemäß o. g. Verwaltungsvereinbarung auf das Leipzi­ger Institut übertragen. Das Land Brandenburg beteiligt sich zu 50 % an der Finanzierung einer Lehrkraft für Niedersorbisch.

Lehrer aus Brandenburg werden ab dem Wintersemester 2008/2009 berufsbegleitend wei­tergebildet. Lehrer, die bereits in zwei Fächern ausgebildet sind, können an der Universität Leipzig im Fach Sorbisch eine Zusatzqualifikation erwerben.

Die meisten Studierenden am Institut für Sorabistik beherrschen die sorbische Sprache, da­von der überwiegende Teil als Muttersprache. Die seit der politischen Wende kleine Anzahl niedersorbischer Studierenden kommt ohne muttersprachliche Sorbischkenntnisse zum Insti­tut. Gelegentlich gibt es auch Studierende ohne sorbische Vorkenntnisse, die ein volles So­rabistik-Studium absolvieren.

Die Lehre erfolgt bisher grundsätzlich in Ober- und in geringem Umfang in Niedersorbisch. Da es nur in seltenen Fällen Hochschullehrbücher und andere Lehrmaterialien im Handel gibt, erarbeiten sich die Mitarbeiter des Institutes wie auch die Gastlehrkräfte die entspre­chenden Materialien selbst. Dies erfolgt z. T. nach dem Vorbild von Lehrmaterialien für ande­re slawische Sprachen sowie anhand von Abhandlungen und Veröffentlichungen zu einzel­nen Bereichen·in der sorabistischen Fachliteratur.

Gemäß der amtlichen Statistik waren im Wintersemester 2007/2008 30 Studierende einge­schrieben. Es besteht auch ein zunehmendes Interesse an den drei Stipendien für 10 Mona­te (zwei Semester), welche die Stiftung für das sorbische Volk seit nunmehr sechs Jahren jährlich an Interessenten in Osteuropa für ein Sorabistik-Teilstudium in Leipzig vergibt (siehe 2.3). Die Stipendiaten kamen bisher aus Tschechien, Polen, Russland, der Ukraine, Serbien und Bulgarien. Außerdem gibt es gelegentlich Stipendiaten für ein oder zwei Semester (vom DAAD, Erasmus oder Sokrates), z. B. aus Tschechien, USA, Kanada, Japan.

Für alle anderen Studien richtungen gibt es keine speziellen sorbischsprachigen Lehrverans­taltungen. Das bedeutet, dass sorbische Hochschulabsolventen – sofern sie in ihrem Beruf die sorbische Sprache anwenden und über besondere Kenntnisse über Geschichte und Ge­genwart des sorbischen Volkes verfügen müssen – auf das Wissen zurückgreifen, das am Sorbischen Gymnasium vermittelt wurde oder sich dieses im Selbststudium aneignen. Auch der zusätzliche Besuch von Lehrveranstaltungen zur sorbischen Geschichte und Kultur ist möglich. Dies gilt insbesondere für Multiplikatoren der Sprache, wie Lehrer, Journalisten, Geistliche, Schriftsteller, Schauspieler und Mitarbeiter sorbischer Einrichtungen.


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2.4.4 Wissenschaft und Forschung

Sorbische Wissenschaft ist institutionell durch das Sorbische Institut e.V. I Serbski institut z.t. in Bautzen und das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig vertreten.

Das im Jahr 1992 vom Freistaat Sachsen gemeinsam mit dem Land Brandenburg als außer­universitäre Forschungseinrichtung gegründete Sorbische Institut e.V. / Serbski institut Z.t. hat seinen Sitz in Bautzen und eine Arbeitsstelle in Cottbus. Es ist fest in die deutsche Wis­senschaftslandschaft integriert. Seine satzungsmäßige Aufgabe besteht in der Erforschung und Pflege der sorbischen Sprache, Geschichte und Kultur sowie in der Sammlung und Archivierung der hierfür erforderlichen Materialien. Dies umfasst auch die vergleichende For­schung zur ethnischen Minderheitenproblematik in Europa bzw. zu Minderheiten und kleinen Sprachen in Europa.

Das Institut ist ein eingetragener Verein und wird auf der Grundlage eines Wirtschaftsplans durch die Stiftung für das sorbische Volk institutionell gefördert. Es hat gemäß Stellen plan 33 Stellen, davon 19 Stellen für Wissenschaftler in den fünf Abteilungen Kultur- und Sozialge­schichte, Empirische KulturforschungNolkskunde, Sprachwissenschaft, Bibliothek/Archiv und Niedersorbische Forschungen (Arbeitsstelle Cottbus). Im Jahr 2007 konnten nur noch 29 Stellen, davon 17 der vormals 22 WissenschaftlersteIlen, finanziert werden. Hinzu kommen zwei Doktoranden als Annexpersonal sowie 2007 bis 2009 zwei ProjektsteIlen auf Drittmittei­basis. Das Institut legt jährlich einen ausführlichen Tätigkeitsbericht vor, der auch der Öffent­lichkeit zugänglich ist.

Das Sorbische Institut e.V. ist ein Zentrum sorbischer nationaler Identität. Seine Tradition als außeruniversitäre Forschungseinrichtung hat es in dem 1951 entstandenen und 1952 bis 1991 der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin zugeordneten Institut für sorbi­sche Volksforschung. Dank der doppelten Strategie – zum einen ausgerichtet auf die sorabis­tisch-geisteswissenschaftliche Forschung und zum anderen auf die praktische Wirkung im sorbischen Siedlungsgebiet – kann das Institut auf vielfältige Weise in den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft eingreifen und beratend tätig werden. Die grundlegenden Forschungsaufgaben mit der von der Öffentlichkeit erwarteten Bewahrung und Entwicklung von sorbischer Sprache und Kultur zu verbinden, betrachtet das Institut als seinen ständigen Auftrag. Seit 2007 ist der Direktor Mitglied im Sächsischen Kultursenat.

Dem Sorbischen Institut e.V. zugeordnet sind die Sorbische Zentralbibliothek mit ca. 90.000 Bänden und das Sorbische Kulturarchiv mit ca. 500 Metern Aktenbestand. Die Sorbische


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Zentralbibliothek besteht seit Februar 1949, das Archiv nominell seit 1956. Ebenso wie die Bibliothek geht das Sorbische Kulturarchiv auf die Sammlung der Macica Serbska (siehe unten) zurück. Beide relativ selbständigen Einheiten des Instituts haben interne und externe Servicefunktion und sind außerdem der öffentlichen Nutzung zugänglich. Halbjährlich er­scheint das 1952 gegründete Fachorgan „Lětopis“. Es ist das einzige komplexe wissen­schaftliche Periodikum zur Erforschung der sorbischen Sprachen, der sorbischen Geschichte und Kultur. Das Institut gibt daneben Monographien und weitere Publikatipnen heraus, z. B. die „Schriften des Sorbischen Instituts“ mit jährlich ca. drei Bänden. Diese Schriften werden vom Domowina-Verlag GmbH verlegt und vertrieben.

Internationale Partner des Instituts sind u. a. die Karls-Universität Prag, die Universitäten Warschau, Szczecin und Zielona Góra, das Schlesische Institut Opole und die Universität Lwiw. Weitere enge Formen der Zusammenarbeit haben sich mit dem Internationalen Sla­wistenkomitee, dem Europäischen Forschungsinstitut für Kultur Bonn oder äem Europä­ischen Büro für Sprachminderheiten mit Sitz in Dublin (EBLUL) entwickelt. Mit Universitäten und Forschungseinrichtungen im Inland pflegt das Institut darüber hinaus eine vielfältige Kooperation. Im Zweijahresturnus veranstaltet das Sorbische Institut e.V. den Internationalen Ferienkurs für sorbische Sprache und Kultur für ca. 50 Teilnehmer, der weltweites Interesse findet.

Das Sorbische Institut e. V. wird regelmäßig von einem international zusammengesetzten wissenschaftlichen Beirat unter Hinzuziehung weiterer Experten evaluiert. Die nächste Eva­luation findet im Herbst 2008 statt. Die letzte Evaluation bescheinigte dem Institut, dass es seit seiner Neugründung einen außerordentlich positiven Weg gegangen sei.

Neben der sor’abistischen Lehre widmet sich das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig auch wissenschaftlichen Forschungen. Forschungsschwerpunkte der letzten fünf Jahre be­trafen dabei Forschungsgebiete wie die sorbische Sprachgeschichte, die sorbische Sprache der Gegenwart, die sorbische Literatur, Parallelen zwischen sorbischer und anderen slawi­schen Literaturen oder die Didaktik des Sorbischen.

Das Institut für Sorabistik arbeitet mit verschiedenen wissenschaftlichen Forschungs- und Bildungsstätten sowie sonstigen Einrichtungen zusammen, u. a. mit dem Sorbischen Institut e.V. Bautzen, dem Domowina-Verlag GmbH Bautzen, der Sächsischen Akademie der Wis­senschaften, der Universität Warschau, der Karls-Universität Prag und verschiedenen Min­derheitenorganisationen und Forschungseinrichtungen in Europa und weltweit.


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Neben den oben dargestellten Wissenschaftsbereichen Sorabistik einschließlich Literatur und sorbische Volkskunde im weitesten Sinne bedarf es einer Erforschung sorbischer Be­lange auf weiteren Wissenschaftsgebieten. Dies betrifft die Pädagogik, Kunst, Musik, Archäologie und Museumskunde. Die wenigen wissenschaftlichen Mitarbeiter in den anderen sorbischen Einrichtungen können eine umfassende Forschung in diesen Bereichen nicht leisten. Die Arbeit des WIT AJ-Sprachzentrums soll dabei Defizite decken helfen. Das Säch­sische Bildungsinstitut arbeitet mit dem Sorbischen Schulverein e.V. an der Planung und Durchsetzung neuer Konzepte zur zweisprachigen Bildung.

Unter Beachtung des Bedarfs und der bisherigen Leistungen der Sorabistik in Sachsen strebt die Staatsregierung keine Änderung ihrer Hochschul- und Forschungspolitik in diesem Bereich an. Sowohl das Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig als auch das Sorbi­sche Institut e.V. sind jeweils singulär und haben grundlegende Bedeutung für die Bewah­rung der Identität der Bürger sorbischer Volkszugehörigkeit und die Pflege und Entwicklung der sorbischen Sprache und Kultur.

Eine anerkannte Position im sorbischen öffentlichen Leben hat die Maćica Serbska e.V. als sorbische wissenschaftliche Gesellschaft. Sie ist seit ihrer Gründung vor 150 Jahren in viel­facher Hinsicht Träger sorbischer Wissenschaft, Sprachkunde und internationaler Beziehun­gen. Heute leisten ihre ca. 120 Mitglieder ehrenamtlich eine erfolgreiche ·wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Arbeit in den Sektionen Sprache, Literatur/Kunst, Geschichte und Volkskunde/Museumswesen sowie in der niedersorbischen Abteilung. Sie ist offen für Wissenschaftler, Intellektuelle und alle Interessenten. Damit stellt sie ein Bindeglied zwi­schen sorbischer Bevölkerung und institutioneller Wissenschaft dar.

Die Macica Serbska e.V. ist Träger der Obersorbischen und der Niedersorbischen Sprach­kommission, die jeweils ehrenamtlich beobachten und entscheiden, was als Sprachnorm gilt bzw. zur Norm erhoben wird.

Durch‘ Vereinbarungen zwischen dem Freistaat Sachsen und der Stadt Bautzen von 1998 und 2000 wurde der Archiwerbund Bautzen gegründet. Der Archivverbund umfasst das Staatsfilialarchiv und das Stadtarchiv Bautzen. Die gewählte Verbundlösung sichert den Ver­bleib des staatlichen Archivguts zur Geschichte der Oberlausitz, das auch die Geschichte des sorbischen Volkes dokumentiert, in seinem Entstehungsgebiet. Das Staatsfilialarchiv verwahrt die Überlieferung des Oberamtes der Oberlausitz, der Oberlausitzer Landstände, von oberlausitzer Rittergütern, der Kreishauptmannschaft Bautzen sowie von weiteren Be­hörden und Einrichtungen. Der Überlieferungszeitraum erstreckt sich von 1319 bis in die Mit-


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te des 20. Jahrhunderts. Im Bestand des Staatsfilialarchivs befinden sich ca. 2500 Meter Akten, ca. 1700 Urkunden und ca. 5000 Karten, Pläne und Risse.

2.4.5 Sorbisch innerhalb der Erwachsenenbildung

Die Volkshochschulen im sorbischen Siedlungsgebiet im Freistaat Sachsen sind Einrichtun­gen, die Sorbisch im Rahmen der Erwachsenenqualifizierung anbieten. Durchschnittlich nehmen jährlich insgesamt ca. 20 bis 30 Interessenten an den Sorbischkursen teil. Die Min­destteilnehmerzahl der Kurse wird meist unterschritten. Damit sie dennoch zustande kom­men, deckt die Stiftung für das sorbische Volk die Mindereinnahmen.

Darüber hinaus werden Sorbischkurse in einzelnen sorbischsprachigen Regionen durch ver­schiedene Träger angeboten. So werden in Schleife Kurse für Anfänger und/oder Fortge­schrittene durch das Sorbische Kulturzentrum e. V. angeboten. Auch das Bildungszentrum LlPA e.V. mit Sitz in Schmerlitz bietet in Kooperation mit dem Sorbischen Schulverein e.V. Kurse zum Erlernen der sorbischen Sprache an.


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2.4.6 Bibliotheken

Öffentlich zugängliche Bibliotheken tragen mit der Bewahrung und Bereitstellung von sor­bischsprachiger Literatur wesentlich zur Beförderung und Fortentwicklung der sorbischen Sprache bei. Sie stehen als Kommunikations- und Begegnungsstätten im öffentlichen Leben und sind in Verbindung mit den Schulen ein wichtiger Bildungsfaktor. Zuständig für die über­regionale Literaturversorgung einschließlich sorbischsprachigerLiteratur sind die Bibliothe­ken in Bautzen, Kamenz, Hoyerswerda und Weißwasser und vor allem die unter Ziffer 2.4.4 erwähnte Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen Institut e.V. in Bautzen.

Gerade in den ländlichen Gebieten tragen die Bibliotheken wesentlich zur kulturellen Identifi­kation der Bevölkerung bei. Im Gebiet des ehemaligen Niederschlesischen Oberlausitzkrei­ses besteht ein nahezu flächendeckendes Netz von öffentlichen Bibliotheken. Im Gebiet des ehemaligen Kreises Bautzen werden alle Gemeinden bibiothekarisch betreut, 20 Orte haben eine öffentliche Bibliothek. Im Gebiet des ehemaligen Kreises Kamenz existieren in rund 70 % der Gemeinden haupt- oder nebenberuflich geleitete Bibliotheken. Im sorbischen Sied­lungsgebiet verfügen die Gemeinden Krauschwitz, Göda, Königswartha, Wittichenau und Lohsa über hauptberuflich geleitete Bibliotheken. Diese Einrichtungen entleihen auch sor­bischsprachige Literatur. Kernzentren mit Schulstandorten des sorbischen Siedlungsgebietes sind Schleife im jetzigen Landkreis Görlitz, Panschwitz-Kuckau, Ralbitz-Rosenthal, Crostwitz, Räckelwitz und Radibor im jetzigen Landkreis Bautzen. Nicht alle dieser Orte haben derzeit eine Bibliothek. Da auch die Schulen keine‘ Schulbibliotheken besitzen, entspricht das litera­tur- und Informationsangebot nicht den Maßstäben für Gemeinden mit Schulstandorten.

Insgesamt ist festzustellen, dass die Literatur- und Informationsversorgung in den sorbischen Gemeinden und hier insbesondere in denen mit Schulstandorten nicht ausreichend ist.


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            2.5      Jugend

Für jedes Volk haben Kinder und Jugendliche als Träger der künftigen Entwicklung eine he­rausragende Bedeutung. In einem relativ großen Umfang kann die sorbische Jugend auf eine sorbischsprachige Bildung und Erziehung aufbauen, zumindest aber auf ein „Sich­bekannt-machen“ mit der sorbischen Sprache und Kultur. Gerade in den Jugendjahren bil­den sich Bindungen – zwischenmenschliche, aber auch ethnische – die für das spätere Le­ben von grundlegender Bedeutung sind. Daher ist das Leben der sorbischen Kinder und Ju­gendlichen in einer sorbischsprachigen Umwelt besonderes wichtig.

Die Jugendarbeit im sorbischen Siedlungsgebiet wird in großem Maße von den sorbischen Traditionen geprägt und soll insbesondere dem Erhalt der sorbischen Sprache, der sorbi­schen Identität und des sorbischen Brauchtums dienen. Vor allem die kulturelle und sportli­che Betätigung nimmt in der sorbischen Jugendarbeit einen wichtigen Platz ein, auch wenn sie sich oft in Eigeninitiative und unter meist bescheidenen Bedingungen entwickelt. So exis­tieren verschiedene Kulturgruppen und Sportvereine, die den jungen Menschen Raum für kulturelle und sportliche Betätigung und das Anwenden der sorbischen Sprache bieten.

Im Rahmen der Jugendarbeit werden junge Menschen im sorbischen Siedlungsgebiet bei der Mitgestaltung ihrer individuellen Lebensräume einbezogen. Durch den sorbischem Ju­gendverein PAWK e.V. werden ganzjährig Projekte speziell für sorbisch sprechende Jugend­liche durchgeführt. Höhepunkte der Vereinsarbeit sind dabei multilaterale Seminarwochen, bei denen sich Teilnehmer verschiedener Minderheiten (Westfriesen, Kaschuben, Slowenen und Sorben) mit dem Thema Sprache beschäftigen.

Der Domowina – Bund der Lausitzer Sorben e. V. organisierte für September 2007 gemein­sam mit verschiedenen Akteuren (dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater, dem Sorbischen Museum Bautzen, dem Sächsischen Oberverwaltungsgericht sowie dem PAWK e.V.) das Projekt „Gemeinsam gegen Rechts – in Bezug auf sorbische Belange“, das durch das Bun­desprogramm „Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ gefördert wurde. Ebenfalls über dieses Programm wurde das Grundschulprojekt „Gesicht zeigen“ der „Gesellschaft Bürger und Polizei e.V.“ gefördert.

Seit dem Jahr 2006 erhält das Jugendschutzmobil des Landkreises Bautzen beim „Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit Bischofswerda e.V.“ zusätzliche Fördermittel für die Publikation von Jugendschutzprojekten in sorbischer Sprache. In Zusammenarbeit mit dem Jugendver-


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ein PAWK e.V. wurde hier das Jugendschutzprojekt „Igor Igel“ entwickelt. Viele Jugendverei­ne präsentieren sich im Internet unter www.laiuba.de. Gegenwärtig wird daran gearbeitet, die Startseite dieser Internetpräsenz zweisprachig zu gestalten. Das Sorbische Bildungszentrum „LIPA“ e. V. leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Arbeit von und mit sorbischen Ju­gendlichen.

Das sorbischsprachige Programm des mdr „Radio Satkula“ trägt mit seinen sorbischsprachi­gen Jugendsendungen erheblich zur Belebung des Angebotes tür sorbische Jugendliche bei. Der Redaktion dieses Jugendprogramms gehören neben jungen Journalisten ebenfalls freie Redakteure an, die noch Schüler oder Studenten sind. Sie organisieren auch Veranstaltun­gen im sportlichen oder auch geselligen Bereich, die das Freizeitangebot in den sorbischen Orten bereichern.

Darüber hinaus bestehen drei sorbische Studentenwohnheime in Leipzig (separates Gebäu­de), Dresden und Berlin (jeweils Teil eines größeren Wohnheimes). In Leipzig ist es die Stu­dentenvereinigung „Sorabija Lipsk“, welche den dortigen Raum namens „centrifuga“ im Wohnheim an der Bornaischen Straße nutzt. In Dresden ist es die Studentenvereinigung „Bjarnat Krawc“, welche die „serbska etaěa“, eine Etage im Wohnheim an der St. Petersbur­ger Straße für ihre Treffen in Anspruch nimmt.

Die Internate sind seit Jahrzehnten Sammlungs- und Wohnstätten für sorbische Studierende der jeweiligen Stadt, (wobei bemerkt werden muss, dass diese nicht offiziell sorbisch sind, sondern durch die örtlichen Kontakte immer wieder Sorben zuziehen). Für den sorbischen Sprachgebrauch, die kulturelle Betätigung und die Identitätsbildung und -festigung ist diese Gemeinsamkeit von großer Bedeutung. Dies belegen die guten Erfahrungen aus der Ver­gangenheit.

Der Bund sorbischer Studierender hat das Ziel und die Aufgabe, die Verbindung zwischen den sorbischen Studenten zu wahren (kaum noch aktiv, die einzelnen Studenten­vereinigungen sind vor Ort aktiv). Zu diesem Zweck treffen sich die auswärtigen Studenten zur jährlich stattfindenden „Schadźowanka“, einem Treffen der sorbischen studierenden Ju­gend und Intelligenz, das bereits seit 1875 Tradition ist.


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2.6       Medien

Es gibt folgende sorbische Printmedien:

Serbske Nowiny („Sorbische Zeitung“ – Obersorbisehe Tageszeitung),

Nowy Casnik („Neue Zeitung“ – Niedersorbische Wochenzeitung mit deutschsprachigem An­teil),

Rozhlad („Umschau“ – Monatszeitschrift für sorbische Kultur, Sprache, Literatur und Kunst mit Beiträgen in obersorbischer und niedersorbischer Sprache),

Serbska šula („Sorbische Schule“ – Pädagogische Fachzeitschrift mit Beiträgen in obersorbi­scher und n’iedersorbischer Sprache, jährlich 6 Ausgaben),

Płomjo/płomje („Flamme“ – Monatszeitschrift für Kinder bzw. Schüler

Katolski Posoł („Katholischer Bote“ – Obersorbische Wochenzeitschrift der katholischen Sor­ben),

Pomhaj Bóh („Gott hilf“ – Evangelische Monatszeitschrift in obersorbiseher Sprache)

Im Fernsehen steht das Fernsehprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) sowie des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) mit sorbischsprachigen Sendungen zur Verfügung. Einmal im Monat produziert das MDR-Landesfunkhaus Sachsen das 30minütige Magazin „Wuhladko“ in obersorbischer Sprache mit sorbischen Themen, Dieses sorbischsprachige Magazin wird i. d. R. am ersten Sonnabend im Monat um 12:25 Uhr im MDR regional gesen­det und am darauffolgenden Montag um 09:05 Uhr wiederholt. Außerdem wird diese Sen­dung noch zweimal vom RBB ausgestrahlt. Seit dem 31.03.2007 ist das Magazin auch als Livestream für interessierte Internet-Nutzer abrufbar. So können sich gerade junge Sorben, die Deutschland- und weltweit unterwegs sind, einfach per Mouse-Klick ein Bild über das aktuelle Geschehen in ihrer Heimat machen,

Auch das halbstündige sorbisch sprachige Magazin ŁUŽYCA des RBB wird einmal im Monat (sonnabends, um 12:25 Uhr) im MDR Regionalprogramm als Wiederholung gesendet. Dies erfolgt ebenfalls in sorbischer Sprache mit deutschen Untertiteln,

Im Februar 2007 wurde erstmals die Live-Sendung vom Rosenmontagsumzug in Wittiche­nau in Zweikanalton deutsch/sorbisch ausgestrahlt.

Durch das Regionalbüro Ostsachsen ist der MDR-Sachsenspiegel auch in der sorbischspra­ehigen Region der Oberlausitz präsent. Zudem ist für das Regionalmagazin Sachsenspiegel täglich ein Tagesreporter Ostsachsen im Einsatz, der Themen dieser Region aufgreift.


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Die Sendung „Unser Sandmännchen“ wird jeden Sonntag auf allen terrestrischen Sendern des MDR-Fernsehens (analog und digital) mit der Wahlmöglichkeit zwischen deutscher und sorbischer Sprache ausgestrahlt.

Im Rundfunk steht das Hörfunkprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aus dem Studio Bautzen in obersorbischer Sprache, Hörfunkprogramm des Rundfunk Berlin­Brandenburg (RBB) in niedersorbischer Sprache aus dem Studio Cottbus zur Verfügung

Bei MDR 1 RADIO SACHSEN werden für das tägliche sorbische Hörfunkprogramm SERB­SKI ROZHŁÓS derzeit insgesamt 21,5 Stunden pro Woche in obersorbischer Sprache aus dem Regionalstudio Bautzen gesendet. Die Ausstrahlung erfolgt auf einer reichweitenstarken UKW-Frequenz von Hoyerswerda aus. Neben der UKW-Ausstrahlung speist der MDR den sorbischen Hörfunk auch live ins Internet. Für Jugendliche existiert das sorbischsprachige Programm des MDR „Radio Satkula“ ..

Die Signalaufbereitungen der Kabel Deutschland GmbH (KDG) in Sachsen (Stand: 31.12.2006) versorgen insgesamt ca. 490 000 Wohnungseinheiten über eigene und ange­schlossene Kabelverteilnetze mit Fernsehprogrammen. An diesen Anschlüssen steht das MDR Fernsehen mit dem sächsischen Landesprogramm analog zur Verfügung. Auf diesem Weg können die sorbischen Sendungen WUHLADKO und ŁUŽYCA empfangen werden. Beim digitalen Empfang kann nur die Wiederholung von WUHLADKO und die Ausstrahlung von ŁUŽYCA im RBB-Fernsehen empfangen werden. Der MDR hat die KDG gebeten, das MDR Fernsehen analog derart einzuspeisen, dass der sorbische Ton beim sonntäglichen „Sandmännchen“ vorhanden ist. Beim digitalen Kabelempfang ist beim „Sandmännchen“ der sorbische Ton nicht auswählbar.

Der sorbische Hörfunk von MDR 1 RADIO SACHSEN wird in die sächsischen KDG-Netze Bautzen, Kamenz und Löbau mit insgesamt 11 840 Wohnungseinheiten (Stand: 31.12.2006) im UKW-Band eingespeist. Digital wird er nicht weiterverbreitet. Die von der KDG gespeisten Kabelanschlüsse machen nur einen Teil der sächsischen Kabelanschlüsse aus. Insgesamt verfügten im Jahr 2006 durchschnittlich 1,27 Mio. Haushalte in Sachsen über einen Kabelan­schluss.


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Vor dem Hintergrund von §14 des Sächsischen Sorbengesetzes, das die angemessene Be­rücksichtigung der sorbischen Sprache in den Medien regelt, begrüßt der Freistaat Sa­chen die Aktivitäten des Mitteldeutschen Rundfunks. Positiv zu erwähnen ist auch, dass ein Vertreter der Domowina e.V. Mitglied im derzeitigen Rundfunkrat des MDR (Amtszeit des Rundfunkrates bis Ende 2009) ist.

Von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) wurde 1997 das Projekt „Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanäle“ (SAEK) gestartet. Das Gesamtprojekt wird im Wesentlichen von der SLM finanziert. Ein Teilprojekt dessen ist  das medienpädagogisch ausgerichtete SAEK-Kombinationsprojekt in Bautzen. Zu den Be­sonderheiten dieses Standortes gehören die Zusammenarbeit mit sorbischen Schulen und Institutionen sowie die Durchführung entsprechender Projekte. Die Sendungen des SAEK Bautzen werden auch in sorbischer Sprache gesendet.

Eine Reihe sorbischer Filmproduktionen wird als Videokassette bzw. DVD angeboten, insbe­sondere Kinderfilme (meist Synchronisationen tschechischer Trickfilme), Videos für den schulischen Bedarf, z.B. für den Geschichtsunterricht, sowie Filme über die Sorben bzw. ein sorbisches Thema. Sorbischsprachige Spielfilme nach sorbischen Märchen bzw. anderen Vorlagen sind im Angebot. Von Informationsfilmen gibt es meist· auch eine deutsche Fas­sung.

Im Internet stehen die vielfältigsten Angebote zur Verfügung. Neben Informationsseiten von sorbischen Einrichtungen, wie z.B. der Domowina e.V. oder des Sorbischen Instituts e.V. sowie von sorbischen Schulen oder Gemeinden, stehen auch sorbischsprachige Seiten von Privatpersonen, Firmen und Unternehmen im Angebot. Darüber hinaus gibt es auch sor­bischsprachige Gesprächsforen. Seit 1998 sind eine Reihe sorbischsprachiger Spiele (Kin­der-, Brett- und Computerspiele) im Angebot. Die Palette reicht dabei von Kartenspielen und Puzzles für Kleinkinder über Lernprogramme der sorbischen Sprache für das Grundschulal­ter bis zu anspruchsvollen Strategiespielen für den Computer.


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  2.7       Kultur

2.7.1 Sorbische kulturelle Einrichtungen

Sorbisches National-Ensemble GmbH Bautzen – Serbski ludowy ansambl: Das Sorbi­sche Nationalensemble (SNE) wurde im Jahr 1952 gegründete. Die Stiftung für das sorbi­sche Volk ist seit dem Jahr 1999 alleiniger Gesellschafter der Einrichtung. In den Sparten Chor, Ballett und Orchester bietet es auf der Grundlage ethnographischer Quellen professio­nelle sorbische Bühnenkunst, Gesang, Tanz und Musik vereinend. Neben Kinderprogram­men (Ballettmärchen), sorbischer Kunstmusik und Oratorien sowie der Ausrichtung der jähr­lich stattfindenden Vogel hochzeits- und Zapust-Veranstaltungen widmet sich das SNE auch  mehr und mehr modernen Bereichen der Bühnenkunst. Die Programme des SNE werden insbesondere in der Ober- und der Niederlausitz, aber auch in ganz Deutschland und im Ausland dargeboten. Das SNE hat keine eigene ständige Bühne, es ist ein Reiseensemble. Mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen (DSVTh) wurden gemeinsame Projekte realisiert. Im Rahmen einer Kooperation mit dem DSVTh sind auch Bühnenauftritte in Baut­zen möglich.

Das Sorbische Nationalensemble wird durch die Stiftung für das sorbische Volk institutionell gefördert. Die finanzielle Situation des Ensembles ist nach wie vor sehr angespannt. In den

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Sitzungen des Stiftungsrates der Stiftung für das sorbische Volk ist die finanzielle Konsolidie-

rung des Ensembles immer wieder ein wichtiger Tagesordnungspunkt. Seit September 2007 liegt ein kontrovers diskutiertes Gutachten zur Entwicklung von Strukturmodellen des SNE vor, das die Konsolidierung des Ensembles zum Inhalt hat. Im Jahr 2007 betrug die Förde­rung der Sorbischen National-Ensemble GmbH (SNE) durch die Stiftung für das sorbische Volk rund 4,5 Mio. Euro. Das SNE verfügte zu diesem Zeitpunkt über 121 PersonalsteIlen.

Domowina-Verlag GmbH Bautzen – Ludowe nakladnistwo Domowina: Der Verlag gibt Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in obersorbischer, niedersorbischer und deutscher Sprache heraus. Er wurde 1958 gegründet und 1992 privatisiert. Alleiniger Gesellschafter der GmbH ist die Stiftung für das sorbische Volk. Sie hat entsprechend dem damaligen Über­leitungsvertrag ab 01.01.2000 die Gesellschafteranteile von den sorbischen Vereinen Domowina e.V., Sorbischer Schulverein e.V., Maćica Serbska e.V. und Sorbischer Künstler­bund e.V. übernommen. Als weiteres Organ wurde 2007 ein Beirat berufen.

Der Verlag gibt Belletristik, wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und religiöse litera­tur sowie Kalender, Jahrbücher und Bildbände heraus. Der Verlag betreibt die Smoler’sche


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Verlagsbuchhandlung, die neben dem Verkauf auch Lesungen u. ä. veranstaltet. Die Smo­ler’sche Verlagsbuchhandlung ist die einzige auf den Verkauf sorbischsprachiger Literatur und Literatur über die Sorben spezialisierte Buchhandlung in Deutschland. Die für ethnische Minderheiten relativ geringen Auflagen bei Druckerzeugnissen sind die Spezifik des Verlages und zugleich dessen besondere Problematik. Eine kostendeckende Produktion ist nicht mög­lich. Die finanzielle Förderung übernimmt die Stiftung für das sorbische Volk. Die Notwendig­keit der Förderung ist unumstritten und im Stiftungszweck begründet.

Zum Verlag gehören auch die Redaktionen der obersorbischen Abendzeitung „Serbske No­winy“, der niedersorbischen Wochenzeitung „Nowy Casnik“ und der kulturellen Monatszeit­schrift „Rozhlad“.

WITAJ-Sprachzentrum – Rěčny centrum WITAJ: Im Rahmen der Umstrukturierungen der sorbischen Einrichtungen wurden die mit der Sprachförderung befassten Abteilungen bzw. Mitarbeiter der sorbischen Einrichtungen in dem zum 01.01.2001 neu gegründeten WITAJ­Sprachzentrum mit Sitz in Bautzen zusammengeführt. Das WIT AJ-Sprachzentrum arbeitet in Rechtsträgerschaft der Domowina e.V. Es dient insbesondere der Förderung, dem Erhalt, der Vermittlung und der Anwendung der ober- und der niedersorbisch/wendischen Sprache. Dabei deckt das WIT AJ-Sprachzentrum ein breites Arbeitsspektrum ab: die wissenschaftli­che Vorbereitung und Begleitung von Modellversuchen, die Herausgabe von Lern- und Lehrmitteln, die sprachspezifische Produktentwicklung vom Vorschul- bis zum Erwachse­nenbereich, die Unterstützung der Lehrer- sowie Erzieherfortbildung und das Projektmana­gement. Darüber hinaus hat das WIT AJ-Sprachzentrum ab 2002 das Internat des Sorbi­schen Gymnasiums Bautzen und ab 2003 auch das Internat des Niedersorbischen Gymna­siums in Cottbus in seine Verantwortung übernommen (siehe dazu 2.4.2).

Sorbisches Museum, Bautzen – Serbski muzej: Das Sorbische Museum gibt mit seiner Ausstellung einen Überblick über Geschichte, Kultur und Lebensweise des sorbischen Vol­kes von den Anfängen bis zur Gegenwart. In regelmäßig wechselnden Sonderausstellungen werden Werke sorbischer bildender Kunst präsentiert oder spezielle geschichtliche Themen behandelt. Hervorzuheben ist hier die Sonderausstellung „Im Reich der schönen, wilden Na­tur. Der Landschaftszeichner Heinrich Theodor Wehle 1778-1805“, die auch andernorts prä­sentiert wurde, zuletzt vom 10. Juni 2008 bis zum 07: September 2008 in der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg. Das Sorbische Museum hat 12,5 Stellen für Personal. Seine Heimstatt befindet sich im Salzhaus der Ortenburg in Bautzen. Träger des Sorbischen Mu­seums ist seit 1988 der Landkreis Bautzen. Das Museum wird aus Mitteln der Stiftung für


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das sorbische Volk und des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien finanziert. Mit der Geschichte und Kultur der Niederlausitz befasst sich das Wendische Museum in Cottbus.

Deutsch-Sorbisches Volkstheater, Bautzen – Nemsko-Serbske ludowe di:iwadlo: Das Deutsch-Sorbische Volkstheater (DSVTh) ist das einzige professionelle Theater mit sor­bischsprachigen Inszenierungen in den Sparten Schauspiel, Musik- und Puppentheater. Das sorbische Repertoire wird in Bautzen sowie auf Abstechern im sorbischen Siedlungsgebiet der Oberlausitz und der Niederlausitz vor sorbischsprachigem Publikum präsentiert. Zum sorbischen Programm gehört jährlich eine Inszenierung in niedersorbischer Sprache. Die sorbischen Schauspieler werden in ober- und niedersorbischen und deutschen Inszenierun­gen eingesetzt. Um sorbische Inszenierungen auch deutschem Publikum zugänglich zu ma­chen, steht eine Anlage zur Simultanübersetzung zur Verfügung. Das DSVTh unterhält das sorbische Elevenstudio zur Entwicklung sorbischen Schauspielernachwuchses und zur Be­treuung sorbischer Laientheatergruppen. Träger des Theaters ist der Landkreis Bautzen. Die Stiftung für das sorbische Volk gewährt entsprechend ihres Stiftungszwecks eine Zuwen­dung zur Mitfinanzierung des Theaters.

Wegen dringender Verbesserung des Brandschutzes wl!rde das Theatergebäude ab 2004 umfassend modernisiert. Im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien wird intensiv an einer Effektivierung der Theaterstrukturen gearbeitet. In diesen Prozess sind das SNE und das DSVTh eingebunden.


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2.7.2 Gemeinnützige Vereine

Die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. als gemeinnütziger Verein versteht sich als Interessenvertreterin des sorbischen Volkes (siehe dazu 2.2.3). Gleichermaßen ist sie als Dachverband sorbischer Vereine auch Träger sorbischer Kultur. Sie war und ist allein oder im Zusammenwirken mit der Stiftung für das sorbische Volk z. B. Ausrichter bzw. Träger des Kulturaustausches mit Nachbarländern oder des alle zwei Jahre stattfindenden Internationa­len Folklorefestivals in Crostwitz.

Sitz der Domowina e.V. ist Bautzen, Sitz des Regionalverbandes Niederlausitz ist Cottbus. Regionalsprecher der Domowina e.V. gibt es in Bautzen und Cottbus sowie in Hoyerswerda, Schleife und Crostwitz, wo sie auch jeweils ihre Büros haben. Zur Domowina e.V. gehören die ehrenamtlich tätigen Kreisvereinigungen (sorbisch: zupa) in den Regionen Bautzen, Ka­menz, Hoyerswerda, Weißwasser/Niesky sowie Cottbus. Sie betreuen in den Regionen bzw. Ortsgruppen die kulturelle Basisarbeit und führen Veranstaltungen durch.

Ab dem Jahr 2002 wurden sorbischen Vereinen Mittel zur Finanzierung des Eigenanteils für Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM) des Arbeitsamtes gewährt. Nach Auslaufen dieser Maßnahmen im Jahr 2006. wird die weitere Förderung von sozioökonomischen Projekten sorbischer Vereine durch die Stiftung fortgeführt. Die Vereine erhalten nunmehr Unterstüt­zung über verschiedene Förderprogramme des Amtes für Arbeit und Soziales des Landkrei­ses Bautzen und bringen über private Sponsoren den notwendigen Eigenanteil auf.


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2.7.3 Kunst

Sorbische Kunst wird hauptsächlich durch die oben genannten Einrichtungen, durch Ama­teurgruppen und Vereine verkörpert und präsentiert. Diese nutzen künstlerische Arbeiten unter anderem von Schriftstellern, Dramatikern, Komponisten sowie Erkenntnisse der sorbi­schen Volksforschung.

Die selbständig wirkenden Arbeitskreise sorbischer Schriftsteller, Musiker, bildender Künstler und Filmschaffender haben sich im Dezember 1990 zum Sorbischen Künstlerbund e. V. zu­sammengeschlossen.

Der Sorbische Künstlerbund e. V. hat das Ziel, Initiativen zur Schaffung und Bearbeitung von sorbischer Literatur, Kompositionen, Tänzen, Filmen, Theaterstücken und Werken der bildenden Kunst zu entwickeln. Neue Werke sind Ausdruck der schöpferischen Kraft des sorbischen Volkes. Der Künstlerbund organisiert z. B. Autorenlesungen, Konzerte neuer sor­bischer Musik, die jährlich stattfindenden Feste sorbischer Poesie und Ausstellungen bilden­der Künstler.

Eine Hauptaufgabe des Künstlerbundes für die Zukunft ist es, den sorbischen künstlerischen Nachwuchs zu begleiten und ihn in die Arbeit des Verbandes einzubeziehen.

Verschiedene Projekte des Sorbischen Künstlerbundes e.V. werden durch die Stiftung für das sorbische Volk gefördert. Unabhängig davon ist die individuelle Förderung für Schriftstel­ler und Künstler durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst auch für sorbische Antragsteller offen.

Der sorbische Literat Kito Lorenc erhält 2009 den neunten Lessingpreis des Freistaates Sachsen. Gewürdigt wird sein Lebenswerk als einer der bedeutendsten sorbischen Dichter der Gegenwart.


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2.7.4 Volkskunst und Brauchtum

Sorbisches Brauchtum und Volkskunst gehören auch heute noch fest zum Leben vieler sor­bischer Menschen. Nicht nur die zahlreichen Kulturgruppen und -vereine pflegen diese Tradi­tionen des sorbischen Volkes, sondern insbesondere Familien, die jeweilige Dorf jugend oder -gemeinschaft sowie kirchliche Gemeinschaften, Kindereinrichtungen und Schulen im ge­samten sorbischen Siedlungsgebiet des Freistaates Sachsen. Dabei sind viele dieser Tradi­tionen eng an den Jahreskreis der kirchlichen Feiertage gebunden. Auf einige Besonderhei­ten der Traditionspflege sei hier hingewiesen:

Trachten:

In den Gebieten um Schleife, Hoyerswerda und im Gebiet der katholischen Sorben wird die jeweilige regionale Tracht (Alltagstracht) von älteren Frauen heute vereinzelt noch täglich getragen. Darüber hinaus werden die bis vor kurzem schon zu den Truhentrachten zählen­den Varianten sorbischer Trachten um Nochten und Muskau sowie die Tracht der evangeli­schen Sorben um Bautzen wieder belebt und öfter neu angefertigt und getragen. Zu beson­deren kulturellen Ereignissen, an bestimmten kirchlichen Feiertagen und mitunter zu Fami­lienfeiern (Hochzeit, Taufe, Kommunion, Firmung, Konfirmation) tragen Frauen und Mädchen aller Altersgruppen sorbische Festtrachten. Trachten werden auch bei Auftritten von Kultur­gruppen getragen. Das Schneidern, Besticken und Ankleiden -insbesondere der Festtrach­ten – wird nur noch von wenigen Schneiderinnen beherrscht. Dabei sind strenge Normen der jeweiligen Tracht einzuhalten. Das Tragen der Trachten zu den genannten Anlässen nahm in diesem Berichtszeitraum weiter zu. Es ist ein Identitätsmerkmal, das nicht unmittelbar an die Sprache gebunden ist. Das Sorbische Museum Bautzen führte Vom 24.09.2006 bis zum 18.02.2007 eine Ausstellung zum Thema „Tracht als Bekenntnis“ mit einem umfassenden Begleitprogramm durch.

Wegkreuze, Steinkreuze, Betsäulen:

Diese Kennzeichen sorbischer Volksfrömmigkeit sind Zeugnisse volkskünstlerischen Hand­werks, meist älteren Ursprungs und insbesondere im katholischen Gebiet anzutreffen. Sie werden durch regelmäßige Erneuerung und durch Neuaufstellung auch heute gepflegt. Be­dauerlicherweise waren einiger dieser christlichen Symbole und Stätten der Gottesverehrung sowie des Gedenkens in der sorbische Oberlausitz im Berichtszeitraum wiederholt Anschlä­gen ausgesetzt. Es kam zu Schändung, Diebstahl und Zerstörung. Die zuständigen Behör­den konnten bisher weder Täter noch die Motive für diese Handlungen feststellen. Die Er­mittlungen werden fortgesetzt. Zudem wird geprüft, die Domowina e.V. als Interessenvertre­tung der Sorben dauerhaft in die Arbeit des sog. Landespräventionsrates einzubinden.


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Dorfmuseen, Heimatstuben, Freiluftmuseen:

Diese Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft oder in Trägerschaft von Vereinen doku­mentieren das Leben und Schaffen der sorbischen Dorfbevölkerung früherer Generationen. Stellvertretend genannt seien das Měrćin-Nowak-Njechornski-Haus in Nechern, das Schul­museum in Wartha und die Sorbenstube in Rohne. Sie sind eine Ergänzung zu dem Angebot der sorbischen Museen in Bautzen und Cottbus, die eher herausragende Leistungen der Vergangenheit präsentieren. Nicht alle diese Initiativen können finanziell unterstützt werden. Wegen teilweise sehr hoher Kosten, unklarer Konzeption oder nicht gesicherter Betriebskos­ten gestaltet sich die staatliche Förderung bzw. die Unterstützung durch die Stiftung für das sorbische Volk als schwierig.

In diesem Zusammenhang sei auf die Förderung privater und kommunaler Initiativen zur Stärkung des dörflichen Gemeinschaftslebens über das Staatliche Amt für Ländliche Neu­ordnung (ALN) Kamenz verwiesen. Dabei wurde deutlich, dass die sorbischen Gemeinden ein relativ intaktes Dorfleben führen. Schon im Rahmen der EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER 11, die regionale Aktionen zur ganzheitlichen ländlichen Entwicklung unterstützte, wurde als ein Fördergebiet das „Siedlungsgebiet der Sorben – Nordöstlicher Teil“ benannt. Das Folgeprogramm „LEADER Plus“ bearbeitet‘ Projekte in einem Fördergebiet, das das sorbische Siedlungsgebiet der katholischen Sorben sowie der Sorben um Bautzen und teil­weise um Hoyerswerda umfasst (siehe dazu auch 2.8).


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           2.8       Wirtschaft, Landwirtschaft, Natur, Planung und Tourismus

Im Rahmen LEADER+ – unterstützt durch das Regio~almanagement Oberlausitz – wurden in den letzten Jahren nachfolgend Projekte initiiert (und gefördert mit den Instrumenten der Ländlichen Entwicklung)

– Krabat – Entwicklung und Umsetzung von Instrumentarien für das Re­gionalmarketing

– Radwanderweg “ Sorbische Impressionen“ – Gestaltung eines Radwe­ges durch die Sorbische Lausitz sowie Entwicklung und Vernetzung von Pauschalangeboten zu diesem Radweg

– Aktives Marketing für das 3. Internationale Krabat-Fest der Region Krabats Neues Vorwerk Groß Särchen

– Wiederaufbau Wendentor Tor zur zweisprachigen Lausitz ( Nebelschütz) – – Gemeinsames touristisches Entwicklungskonzept der Gemeinden Ne­belschütz und Panschwitz-Kuckau “ Krabat-Stein und Motocrossstrecke

Jauer“

– Agrarmarketing für die Krabat-Region – Konzept zur Entwicklung und Vermarktung regionaler Stoff- und Energiekreisläufe

– Erarbeitung eines Nutzungs- und Betreiberkonzeptes für das Vorhaben Krabat-Mühle Schwarzkollm

Durch das Regionalmanagement wurden folgende Projekte und Aktivitäten mit dem Ziel der Einbindung der regionalen Angebote zum Thema Krabat in das Regionalmarketing der Ober­lausitz begleitet:

– Regionaler Entwicklungsprozess „Auf den Spuren von Krabat“

– Sicherung der Markenrechte in Form der EU-Gemeinschaftsmarke „Krabat“


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2.8.1 Wirtschaftliche Entwicklung

Im 29. Rahmenplan der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschafts­struktur“ bestand erstmalig die Möglichkeit der Förderung eines Regionalmanagements. Seit 2005 existiert in der Lausitz ein (seit 2002 zuvor zwei Regionalmanagements) Regionalma­nagement. Schwerpunkt der Arbeit dieses Regionalmanagements ist die Organisation der Zusammenarbeit der Kommunen mit den Unternehmen. Damit verbunden ist das Marketing für die Region und die Initiierung von Folgeprojekten – also „Hilfe zur Selbsthilfe“. In der Lau­sitz war das Regionalmanagement zugleich eine Keimzelle für die Marketing Gesellschaft Oberlausitz (MGO), die Ende 2002 gegründet wurde. Unter dem Dach der MGO werden auch LEADER+ und Tourismus vermarktet. Die MGO ist zugleich Wirtschaftsfördergesell­schaft für die Lausitz. Die Projekte werden oftmals über die MGO betreut, aber aus verschie­denen Fördermöglichkeiten finanziert. Die Zusammenarbeit konnte dadurch wesentlich ver­bessert wergen. Die Koordinierung erfolgt über den Arbeitskreis der Wirtschaftsförde.~er, in dem die Domowina e. V. vertreten ist, sowie die Sozialpartner und die Planungsstelle.

Im Jahr 2000 wurde im sorbischen Gebiet von Oberlausitz/Niederschlesien ein Bruttoin­landsprodukt (BIP) von 6.966 Mio. Euro, das 14.722 Euro/ Einwohner entspricht, geschaffen. Im Jahr 2005 war das BIP auf 7.634 Mio. Euro oder 16.966 Euro / Einwohner gestiegen Das HIP entwickelte sich absolut auf 109,6% (Sachsen 112,5 %; Deutschland: 107,0% und das BIP/ Einwohner auf 115,2 % (Sachsen: 116,7 %; Deutschland: 106,6%) Die statistischen Erhebungen zur wirtschaftlichen Entwicklung werden kreisweise zusammengefasst. Die ge­nannten Zahlen beziehen sich auf die ehemaligen Kreise Kamenz, Bautzen, Niederschlesi­scher Oberlausitz Kreis und Hoyerswerda.

Insgesamt unterscheidet sich die wirtschaftliche Entwicklung im sorbischen Siedlungsgebiet nach der politischen Wende nicht von der gesamten Entwicklung in der Oberlausitz. Nach­dem die Oberlausitz zunächst als Gebiet mit besonderen Entwicklungsaufgaben durch den Freistaat eingestuft wurde, hat sich Region in den vergangenen Jahren besonders mittels des Regionalmanagements wirtschaftlich stabilisiert. Das Regionalmanagement ist Träger der regionalen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Landkreise der Lausitz arbeiten hier eng zusammen, um vor allem der klein- und mittelständischen geprägten Wirtschaft Impulse zu­geben.

Hervorzuheben sind hierbei Kooperationen und Netzwerke, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, aber auch Verbundinitiativen, wie z. B. die Bahntechnik. Die Verbundinitiati­ve Bahntechnik begleitet die Betriebe bei der Markterschließung, bei Innovationen und der Finanzierung von Maßnahmen sowie der Bildung von Kooperationen und Netzwerken. Ne-


 


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ben den großen Werken in Niesky (Waggon bau, Güterwagen) sind in dem Gebiet vor allem bedeutende Zulieferer und Dienstleister ansässig. Das Bild sorbischer Orte wird, wie in allen Orten der Lausitz von kleinen und mittelständischen Unternehmen bestimmt. Es handelt sich u. a. um Betriebe der Landwirtschaft, des Handwerks, Baugewerbes, des Handels, der Gast­ronomie, um Reiseunternehmen, Fuhrbetriebe und praktizierende Ärzte. Staatliche Zuwen­dungen für Unternehmen aufgrund von Zweisprachigkeit bzw. sorbischer Volkszugehörigkeit gibt es nicht, auch nicht über die Stiftung für das sorbische Volk. Diese bemüht sich jedoch, auch in diesem Bereich den Gebrauch der sorbischen Sprache zu befördern.

Im Rahmen des Förderprogramms Regionales Wachstum, ,in dem erstmalig auch Kleinun­ternehmen mit bis 20 Mitarbeiter gefördert werden können, die keinen überregionalen Absatz haben wurden im ersten Jahr des Programms 17 Unternehmen mit insgesamt 338 Tsd. Euro gefördert. Dadurch konnten 69 Arbeitsplätze erhalten und 19 neue geschaffen werden. Im 1. Halbjahr 2007 wurden vier Vorhaben mit 183 Tsd. Euro gefördert und dadurch 27 Arbeits­plätze gesichert bzw. neu geschaffen. Hinzukommen zinsverbilligte Darlehen im Rahmen des Programms „Gründungs- und Wachstumsfinanzierung“ sowie die Förderung von Koope­r~tionen und Netzwerken. Besondere Strukturen zur Wirtschaftsförderung in sorbischen Insti­tutionen sind nicht vorhanden. Die Vereine Sorbischer Kulturtourismus e.V. und der Bund sorbischer Handwerker und Unternehmer arbeiten an Projektvorhaben ehrenamtlich.

Seit 2003 haben weitere sechs Großunternehmen durch Vermittlung der Wirtschaftsförde­rung Sachsen über 600 Arbeitsplätze geschaffen. Im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur GNEFRE wurden in den Jahren 2001/2003 bis 2006/2007 556 Vorhaben gefördert mit einem Zuschuss von über 175 Mio. Euro. Das entspricht einem Investitionsvolumen von fast 870 Mio. Euro und hat zur Sicherung bzw. Neuschaffung von über 15.000 Arbeitsplätzen geführt. Weitere Unterstüt­zungen erfolgten durch Bürgschaften und Beteiligungen mit insgesamt über 80 Mio. Euro. Im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) wurden zwischen 2003 und 2006 für die För­derung von Ausbildungsverbünden, Qualifizierungsmaßnahmen und Berufsausbildungsplatz­förderung in kleinen und mittleren Unternehmen 2.176 Maßnahmen gefördert mit Zuschuss von fast 26 Mio. Euro. Außerdem wurden für 24 Maßnahmen Mikrodarlehen von fast 370 Tsd. Euro bereitgestellt. Mit all diesen Maßnahmen wurde und wird die wirtschaftliche Entwicklung in der Oberlausitzgestärkt.

Im Bereich der Dorfentwicklung wurden für Maßnahmen vom Freistaat Sachsen für die sor­bischen Gemeinden vom 01.08.2003 bis 31.07.2007 insgesamt 30,8 Mio. Euro Fördermittel bewilligt. Davon entfielen 0,7 Mio. Euro auf Dörfer in der ehemaligen kreisfreien Stadt


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Hoyerswerda, 8,4 Mio. Euro auf die sorbischen Dörfer im ehemaligen Landkreis Kamenz, 15,4 Mio. Euro im ehemaligen Landkreis Bautzen und 6,3 Mio. Euro im ehemaligen Nieder­schlesischen Oberlausitzkreis. Im Rahmen des Sächsischen Dorfentwicklungsprogramms wurden davon im Berichtszeitraum 39 dörfliche Gemeinschaftseinrichtungen im sorbischen Siedlungsgebiet Sachsens mit insgesamt 8,7 Mio. Euro ausgezahlter Zuschüsse beteiligt.

In die Gebietskulisse LEADER + (EU – Förderperiode 2000-2006) der Region „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ wurden die Gebiete mit sorbischer Besiedlung (It. Sächs. Sor­bengesetz, Anhang zu § 3 Abs. 2) im Lausitzer Gefilde und der angrenzenden Muskauer Heide einbezogen. Das Gebietskonzept entstand durch umfangreiche Mitarbeit regionaler Akteure mit dem Verein zur Entwicklung der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft e.V., zu dessen Gründungsmitgliedern die Domowina e.V. zählt, als Lokale Aktionsgruppe und dem Regionalmanagement.

Bei der Leitbildentwicklung wurden die Erfahrungen aus LEADER 11, welche im angrenzen­den Fördergebiet „Siedlungsgebiet der Sorben“ in den Jahren 1995-1999 gesammelt wurden und auch andere Vorarbeiten wie die Erkenntnisse der Agrarstrukturellen Entwicklungspla­nung und das 2001 beschlossene Touristische Leitbild und die Regionalen Entwicklungskon­zepte zu Grunde gelegt. Das entwickelte Leitbild der LEADER+-Region stellt neben die der hohen Umweltqualität insbesondere die Einzigartigkeit des deutsch-sorbischen‘ Siedlungsge­bietes heraus. Die zu Beginn analysierten Schwachstellen der Region wie der Rückgang der Pflege der sorbischen Sprache und der Kultur insbesondere durch Abwanderung und Erodie­rung traditioneller sozialer Strukturen und Brauchtum, die geringen Einbindung von Unter­nehmen in regionale Wirtschaftskreisläufe, Qualifizierungsdefizite und die geringe Vernet­zung der touristischen Angebote konnten durch Projekte und Maßnahmen über den Rahmen von LEADER+-Förderung hinaus erfolgreich verbessert werden.

Aus anfänglichen Einzelprojekten wuchsen dauerhafte Vernetzungen und der Aufbau regio­naler WertschöpfungskeUen wie im Falle der „Lausitzer Fischwochen“ als erfolgreiche Zu­sammenarbeit von Teichwirtschaft mit gastronomischen und touristischen Einrichtungen oder der regionale Entwicklungsprozess „Auf den Spuren des Krabat“ mit den verschiedenen Teilprojekten. Weitere Initiativen wie die „Lausitz schmeckt“ und die Entwicklung und Ver­marktung der Marke „Krabat“ tragen zur Stärkung der regionalen Kreisläufe und der beteilig­ten Unternehmen bei. Bei vielen Projekten insbesondere zUr Belebung der Ortschaften und zur Stärkung traditioneller sozialer Strukturen wurden gezielt Jugendliche und isolierte Be­völkerungskreise wie Arbeitslose, Hausfrauen und Senioren eingebunden. Der Prozess der gemeinsamen Entwicklung der Region wurde damit durch die LEADER+ -Förderung erfolg-


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reich angeschoben. Insgesamt wurden im Berichtszeitraum Maßnahmen über die LEADER+­Förderung im Siedlungsgebiet der Sorben mit 2,5 Mio. Euro bezuschusst. Mit zahlreichen Projekten auch außerhalb der LEADER+-Förderung wurden Voraussetzungen geschaffen, sorbisches Brauchtum darzustellen (z.B. Krabats neues Vorwerk), Traditionen zu pflegen und die regionale Identität zu stärken (Krabat-Feste, Internationales Folklorefestival tuzica/Lausitz) sowie die sorbische Sprache im Alltag zu fördern (Zweisprachigkeit bei Ver-

                ,                                                                                                              .

öffentlichungen, Sprachkurse). Im Entwicklungskonzept der Region „Oberlausitzer Heide-

und Teichlandschaft“ konnten durch die LEADER+-Förderung 18 Projekte bezuschusst wer­den. Darüber hinaus wurden viele neue Projekte entwickelt, von denen weitere 29 Projekte mit LEADER+-Unterstützung verwirklicht werden konnten. Insgesamt konnten 39 LEADER+­Projekte mit einem Finanzumfang von rund 4 Mio. Euro umgesetzt werden. Die Vielfalt der am Prozess Beteiligten spiegelt sich in der Breite der Antragsteller/Zuwendungsempfänger wider.

Für eine nachhaltige regionale Entwicklung sind die durch die LEADER+ erfolgreich anges­toßenen Prozesse zukünftig weiter zu entwickeln. Ausgehend von den gesammelten Erfah­rungen in LEADER+ erarbeitete die Region „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ eine zukunftsfähige Strategie im Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzept (ILEK). Im Herbst 2007 wurde die Region für den Förderzeitraum 2007-2013 zum LEADER-Gebiet erklärt.

Entwicklungsprojekte, bei denen fremde Eigentumsflächen in Anspruch genommen werden müssen, sind nur dann realistisch, wenn parallel zur Umsetzung auch die Bodenordnung durchgeführt wird. In sorbisch besiedelten Gebieten Sachsen wurden in 20 Verfahren nach dem. FlUrbereinigungsgesetz Maßnahmen zur Verbesserung der Agrarstruktur, der Förde­rung der Landeskultur und der Landentwicklung sowie zur Lösung von Landnutzungskonflik­ten mit insgesamt 3,2 Mio. Euro bezuschusst. Davon wurden Ausbaumaßnahmen in acht Verfahren zur Wiedernutzbarmachung der Braunkohleabbaufolgelandschaften im sorbischen Siedlungsgebiet durch die „Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH“ (LMBV) mit rund 51 Tsd. Euro bezuschusst.


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2.8.2 Landes- und Regionalplanung

Gemäß § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 des Gesetzes zur Raumordnung und Landesplanung des Freistaates Sachsen (Landesplanungsgesetz – SächsLPIG) vom 14. Dezember 2001 (SächsGVBI. vom 28.Dezember 2001 S. 716) ist die Interessenvertretung der Sorben an der Ausarbeitung der Entwürfe von Raumordnungsplänen zu beteiligen. Ein Vertreter der Inter­essenvertretung der Sorben ist gemäß § 10 Abs. 5 Satz 2 SächsLPIG beratendes Mitglied im Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien.

Auf der Ebene der Landesplanung wurde bei der Fortschreibung des Landesentwicklungs­planes 2003 (LEP 2003) den Belangen des sorbischen Volkes und seines Siedlungsgebietes durch entsprechende raumordnerische Festlegungen Rechnung getragen. So heißt es im Leitbild des LEP 2003, dass „den Belangen des sorbischen Volkes Rechnung zu tragen ist, um den besonderen kulturellen Charakter im Siedlungsgebiet des sorbischen Volkes zu er­halten und zu unterstützten“. Des Weiteren wird im Kapitel Erziehung- und Bildungswesen, Wissenschaft im Ziel 16.3.9. formuliert: „Im Siedlungsgebiet des sorbischen Volkes sollen, dem besonderen Bedarf entsprechend, zweisprachige Kindertagesstätten, Bildungseinrich­tungen und Jugendfreizeitstätten in ausreichendem Maß und in der erforderlichen Qualität vorhanden sein. Sie sollen neben der Erfüllung ihrer Aufgaben gemäß Schulgesetz die sor­bische Identität und aktive Zweisprachigkeit fördern“.

Ein wichtiger Partner für die Belange des sorbischen Volkes ist der Regionale Planungsver­band Oberlausitz-Niederschlesien, in dem die Landkreise Bautzen und Görlitz (zuvor: Kreis­freie Städte Görlitz und Hoyerswerda, die Landkreise Bautzen, Kamenz, Löbau-Zittau und der Niederschlesische Oberlausitzkreis) zusammengeschlossen sind. Die Domowina e.V. als Interessenvertretung der Sorben ist bereits seit 1993 beratendes Mitglied des Verbandes.

Die Beachtung sorbischer Interessen bei der Regionalplanung dient dem Ziel, das Sied­lungsgebiet des sorbischen Volkes zu schützen und weiterzuentwickeln. Im Regionalplan Oberlausitz-Niederschlesien, der am 30. Mai 2002 in Kraft getreten ist und der gegenwärtig

,

fortgeschrieben wird, sind deshalb Festlegungen der Raumordnung zum gesamten sorbi-

schen Siedlungsgebiet und zu seinen regional bedeutsamen Einrichtungen der Kultur-, Kunst- und Heimatpflege, zu den Zentren zur Förderung der sorbischen Kultur sowie zu überörtlichen Funktionen der Gemeinden Panschwitz-Kuckau, Radibor und Schleife im sor­bischen Siedlungsgebiet enthalten. In diesem Plan ist die Berücksichtigung der Sprache und Kultur des sorbischen Volkes als Kriterium bei der Entwicklung der Region zu einem attrakti-


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ven Wirtschaftsstandort mit einer gehobenen Lebensqualität als Leitbild der Region hervor­gehoben.

Sowohl die Gestaltung der Bergbaufolgelandschaften als auch die Erschließung von neuen Braunkohlelagerstätten werden in speziellen Planungsunterlagen dargestellt. Für das Sanie­rungsgebiet der Lausitz wurden in den Jahren 2003 bis 2006 durch Freistaat Sachsen insge­samt 77,4 Mio. Euro zur Sanierung bzw. Entwicklung der Bergbaufolgelandschaften des sächsischen Teils der Lausitzer Braunkohleregion bereitgestellt.

Besonders hervorgehoben wurden muss hier die Zusammenarbeit mit dem Land Branden­burg in der länderübergreifenden Arbeitsgruppe, deren Schwerpunkt die Entwicklung der Seenlandschaft und die damit verbundene die Schiffbarmachung der Seen ist.

Bei der Erschließung des Tagebaus Nochten werden die Belange der Sorben besonders berührt. In allen Verhandlungen / Vereinbarungen mit Vattenfall Europe Mining werden die Belange vor allem des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife und dem Njepila-Hof in Rohne berücksichtigt.

Wichtige Informationen des Regionalen Planungsverbandes erfolgen in sorbischer Sprache, so zum Beispiel auch der Internetauftritt des Verbandes.

Bei der Verwirklichung landes- und regionalplanerischer Zielsetzungen im Rahmen der Re­gionalentwicklung sind in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen in der Region Operlausitz­Niederschlesien entstanden, die auch Bezug auf die Berücksichtigung der Interessen des sorbischen Volkes nehmen.

Ausgehend von den gesammelten Erfahrungen der vorangegangenen EU – Förderperiode LEADER+ (2000-2006) erarbeitete die Region „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ eine zukunftsfähige Strategie im Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzept (ILEK). Im Herbst 2007 wurde die Region zum LEADER-Gebiet für den Förderzeitraum 2007-2013 er­klärt. Weiterhin wurden die Regionen „Westlausitzer Heidebogen“ und „Lausitzer Seenland“ zu ILEK-Gebiet für den Förderzeitraum 2007-2013 ernannt.

In den Leitbildern wurden die Verflechtungsbeziehungen der Städte und Gemeinden unterei­nander sowie zu den umliegenden Regionen untersucht, um Vorteile und Synergien heraus­zustellen. Ziel dieser ILEK ist es, eine Anpassungsstrategie für die auf Kooperation begrün­dete Region zu entwickeln. Es soll die Basis für die weitere erfolgreiche Zusammenarbeit der Region sein.


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Dabei fanden weitere Konzepte und Planungen der Region wie das Regional­Entwicklungskonzept (REK) „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ als integrativer Be­standteil des REK „Lausitzer Seenland“ das Projekt „Auf den Spuren des Krabat“ in der zweisprachigen Lausitz, und das Rahmenkonzept sowie bereits abgeschlossene Siedlungs­entwicklungs- und Regenerierungspläne des Biosphärenreservates „Oberlausitzer Heide­und Teichlandschaft“ und das städtebauliche Entwicklungskonzept der Stadt Bautzen (SE­KO).

Der Erhalt und die Pflege des sorbischen Brauchtums und Förderung der sorbischen Spra­che als regionale Besonderheit der Lausitz bleibt auch im Rahmen der ILEK ein Handlungs­schwerpunkt. Projekte im sorbischen Kulturtourismus wurden auf länderübergreifende Zu­sammenarbeit mit der branden burg ischen Lausitz, insbesondere mit dem Spreewald und der Stadt Cottbus orientiert. Es sollen unter LEADER+ begonnene Projekte weitergeführt werden und neue Projekte eröffnet werden (z.B. Schaffung einer regionalen Produktlinie „Sorben in der Lausitz“). Es sollen touristisch vermarktbare Produkten und buchbare Reiseangebote zum sorbischen Kulturtourismus und Marketinginstrumenten weiter entwickelt werden.

Mit dem Modellvorhaben zum demographischen Wandel in der Region Oberlausitz Nieder­schlesien, einer Region die durch Bevöikerungsrückgang geprägt ist, wird das Ziel verfolgt, im Umgang mit dem Bevölkerungsrückgang nach neuen, kreativen Wegen zu suchen, wie die Lebensqualität in der Region erhalten oder vielleicht sogar verbessert werden kann. Da­bei sollen in einem öffentlichen Dialogprozess unter Einbeziehung regionaler Akteure und Einwohner umsetzbare und praktikable Lösungen für neue Angebotsformen insbesondere in der Infrastrukturausstattung gefunden werden, die den für Sachsen und Ostdeutsch la nd prognostizierten Schrumpfungsbedingungen gerecht werden.

Auch im Landesentwicklungsbericht 2006, mit dem gem. § 21 Abs. 1 Sächsisches Landesp­lanungsgesetz die Staatsregierung dem Landtag einmal in jeder Legislaturperiode über den Stand der Landesentwicklung, die Verwirklichung der Raumordungspläne und die Entwick­lungstendenzen berichtet, werden in den Kapiteln 3.2.4 und 5.18.4 Ausführungen zur sorbi­schen Bevölkerung und zur sorbischen Sprache und Kultur gemacht.


 

••


75

2.8.3 Tourismus

In Bezug auf den Tourismus in der Lausitz spielen wirtschaftliche Erwägungen eine wichtige Rolle. In der Kommunalpolitik wird davon ausgegangen, dass durch verstärkten Tourismus

,

ein bedeutender Beitrag zur Stärkung der Wirtschaft geleistet wird. Dazu muss die Region

für Touristen interessant sein. Deshalb ist es notwendig, die öden Flächen ehemaliger Kohle­förderung zu rekultivieren, das Biosphärenreservat zu entwickeln und nicht zuletzt mittels Zweisprachigkeit und sorbischer Kultur das Interesse potenzieller Touristen zu wecken.

In diesem Zusammenhang ist 1996 der Sorbische Kulturtourismus e.V. gegründet worden. Er hat sich zur Aufgabe gestellt, unter Berücksichtigung der Interessen der Sorben den Kul­turtourismus in der Lausitz zu fördern und dabei zu verhindern, dass kulturelle Werte des sorbischen Volkes zur Ware degradiert werden. Er will Wissen über die Sorben, über ihre Kultur und Lebensweise verbreiten und möchte in sorbischen Angelegenheiten auf touristi­sche Vereinigungen und Veranstalter beratend Einfluss nehmen. Der Sorbische Kulturtou­rismus e.V. ist Mitglied in den regionalen touristischen Vereinen Niederlausitz, Spreewald und Oberlausitz-Niederschlesien. Einen wichtigen Beitrag leistet auf diesem Gebiet auch der „Krabat“ e.V. mit Sitz in Nebelschütz (siehe 2.8.2).

Der „Krabat“ e.V. hat u. a. das Ziel, die Bekanntmachung sorbischen Kulturgutes zu unters­tützen sowie die sorbische Sprache und Kontakte zu slawischen Völkern zu fördern. Mit dem Projekt „Auf den Spuren des Krabat“ ist ein regionaler Entwicklungsprozess mit einem inten­siven Projekt- und Umsetzungsbezug verbunden. Es soll zugleich zur Vernetzung des Tou­rismus mit anderen Potenzialen der Region beitragen. Die Lage im sorbischen Siedlungsge­biet und die daraus resultierenden kulturräumlichen, kulturhistorischen, wirtschaftlichen und sozialen Potenziale sind dabei der wesentliche Ansatzpunkt. Der Umsetzungsprozess wurde u.a. von der Stiftung für das sorbische Volk und der Domowina e.V. unterstützt. Aus der Kra­bat- Region wurde durch das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) das Dorf Nebelschütz für die Teilnahme am Europäischen Dorferneuerungspreis 2008 nominiert. Im Berichtszeitraum wurden Projekte für die Krabat-Region mit Fördermitteln der Gemeinschaftinitiative LEADER+ von ca. 0,3 Mio. Euro bezuschusst.

Zur weiteren Unterstützung der touristischen Vermarktung der sorbischen Geschichte und Kultur wurde der Ausbau touristischer Anziehungspunkte im sorbischen Siedlungsgebiet wie das Zisterzienserinnen-Kloster St. Marienstern Panschwitz-Kuckau, das Wendentor in Ne­belschütz oder das Krabat-Haus in Eutrich als Geburtsort der sorbischen Sagenfigur Krabat und ein gemeinsames touristisches Entwicklungskonzept der Gemeinden Nebelschütz und Panschwitz-Kuckau zur touristischen, landwirtschaftliche und landschaftliche Entwicklung


76

eines gemeindeübergreifenden Areals und Information über Geschichte und Kultur des sor­bischen Siedlungsgebietes gefördert.

Innerhalb der Region entwickelte sich mit finanzieller Unterstützung über Förderprogramme im Ländlichen Raum ein ausgebautes und beschildertes Radwegenetz, unter anderen The­men-Radwegen und Fern-Radwegen sind der Krabat – Radweg (Rundweg um die Sagenge­stalt, 80 km) und der Radweg „Sorbische Impressionen“ (Radweg durchs sorbische Sied­lungsgebiet in der Region Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, 59 km), die Klosterpfle­getour (Rundradweg durch den Naturteilraum des Gefildes, 60 km) als Unterstützung für einen sanften Naturtourismus.

Das Gebiet des Biosphärenreservates „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ liegt im sorbischen Siedlungsgebiet. Diese Besonderheit des Biosphärenreservates findet in der Ar­beit der Biosphärenreservatsverwaltung entsprechende Beachtung. Seit 1998 findet jährlich im September der Naturmarkt im Biosphärenreservat statt. Er wird vom Biosphärenreservat in enger Zusammenarbeit mit der Domowina e.V. und dem sorbischen Heimatverein „Radiska“ vorbereitet und durchgeführt. Hauptanliegen ist dabei, einheimischen Produzenten und sorbischen Bürgern die Möglichkeit der Vermarktung von Produkten einzuräumen und gleichzeitig das sorbische kulturelle Brauchtum zu pflegen (Musik, Trachtengruppen, Kinder­programme etc.). Dieser Markt iNird von der sorbischen und der deutschen Bevölkerung an­genommen und hat eine Ausstrahlung über das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide­und Teichlandschaft hinaus. Das allgemeine, deutschsprachige Informationsmaterial über das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft wird auch als sorbische Ausgabe gedruckt und steht allen sorbischsprachigen Bürgern zur Verfügung. Im Rahmen der Naturerfahrungsarbeit des Biosphärenreservates werden den Kindern sorbische Tradi­tionen vermittelt und erlebbar gemacht (sorbische Vogelhochzeit, Osterbräuche etc.). Füh­rungen und Exkursionen bieten die. Gelegenheit zu Kontakten mit den sorbischen Bewoh­nern des Biosphärenreservates.

Das Siedlungsgebiet der Sorben ist integraler Teil der Wirtschafts- und Tourismusregion Oberlausitz. Daher erfolgten mit den regionalen Gremien, nicht zuletzt mit der LEADER+­Anbindung an die Marketing- Gesellschaft Oberlausitz/Niederschlesien mbH (MGO) seit 2004, fortlaufend Abstimmungen bei der Umsetzung der Projekte. Damit wird der Verein zur Entwicklung der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft in die Produktenwicklung und Vernetzung der Angebote des Tourismusverbandes Oberlausitz-Niederschlesien e.V. und in das Regionalmarketing der MGO aktiv eingebunden.


 

‚.


77

  2.9       Sozialarbeit

Allgemein ist davon auszugehen, dass in sozialen Einrichtungen im zweisprachigen Gebiet auch sorbische Arbeitskräfte tätig sind, die mit sorbischen Pflegebedürftigen die sorbische Sprache sprechen und so zur Bewahrung der sorbischen Identität beitragen.

Im Landkreis Kamenz wurde im Rahmen des Förderprogramms nach Art. 52 des Pflegever­sicherungsgesetzes am 3. Dezember 2002 der Neubau des Altenpflegeheimes „St. Ludmilla“ in Crostwitz, Landkreis Kamenz, mit 62 Pflegeplätzen eröffnet. Der Neubau entspricht den modernen Anforderungen an die Wohn- und Pflegebedingungen für alte und pflegebedürftige Menschen. Das Heim wurde als Ersatzbau für das 1977 errichtete Altenpflegeheim im OT Schweinerden errichtet. Hier gab es im Vorfeld umfangreiche Bauuntersuchungen, die Mög­lichkeit einer Modernisierung wurden geprüft: Ein Umbau des Heimes, insbesondere der bestehenden Drei- und Vierbettzimmer, die Schaffung von Sanitäreinrichtungen für alle Be­wohner sowie von Therapieräumen hätte im Ergebnis kaum noch ein wirtschaftliches Betrei­ben ermöglicht. Das Heim wurde am 31. Dezember 2002 geschlossen.

Die zentrale Lage des Altenpflegeheims in Crostwitz ermöglicht den Bewohnern eine Teilha­be am Ortsgeschehen. Das Altenpflegeheim trägt wesentlich dazu bei in dieser sorbischen Region die Betreuung und Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen in Crostwitz und Umgebung zu verbessern. Der Träger des Altenpflegeheimes, der Caritasverband für das Bistum Dresden-Meißen e. V., bietet eine religiöse Betreuung, sorbische Sprache, Traditionen und Bräuche werden gepflegt.

Das vom Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft geförderte Christ­lich-Soziale Bildungswerk Sachsen e.V. unterstützt die Sozialarbeit durch Veranstaltungen für Senioren und durch die Publikation „Der Seniorenbrief“, beides teilweise in sorbischer Sprache.

Eine weitere Einrichtung ist das Bildungszentrum „Lipa e.V.“ Schmerlitz, das ganz gezielt

. generationsübergreifend die sorbische Sprache und Kultur pflegt und somit einen wichtigen Beitrag im Rahmen des Bewahrens alter Traditionen, des Zusammenhaltes der einzelnen Altersgruppen und der Vermittlung sozialer und humanitärer Werte leistet (siehe dazu auch 2.4.1 und 2.5).


78

2.10 Förderung der Toleranz zwischen Bürgern deutscher und sorbischer Volkszugehörigkeit

Diejenigen, die die sorbische Sprache behrrschen und sprechen, leben nicht allein. Sie leben im ständigen Kontakt mit Sprechern der Sprache der Mehrheit, der deutschen Sprache. Da gewöhnlich alle Sorben die sorbische und die deutsche Sprache beherrschen, wird, sobald auch nur eine der anwesenden Personen nur deutsch spricht, in aller Regel deutsch gesprochen. Einerseits ist dieses Verhalten der Höflichkeit geschuldet. Andererseits wird von den Sorben häufig erwartet, dass sie sich in deutscher Sprache äußern, da sie auch diese sprechen. Der Vorteil der Zweisprachigkeit wird somit für die Sorbisch-Sprecher und ihre eigene Sprache zum Nachteil. Die sorbische Sprache wird durch solches Verhalten aus verschiedenen Bereichen des privaten und des öffentlichen Lebens verdrängt, der Assimilationsprozess wird vorangetrieben.

Der Freistaat Sachsen bietet günstige Rahmenbedingungen für die Entwicklung der sorbi­schen Sprache und motiviert zu deren Gebrauch. Er will jedoch in diesen Prozess nicht aktiv eingreifen. Hier ist jeder Bürger sorbischer Volkszugehörigkeit selbst gefordert, die gegebe­nen Bedingungen mit Leben zu erfüllen.

Ebenso wichtig ist eine tolerante, wohlwollende und unterstützende Haltung der deutschen Bevölkerung. Im Rahmen einer Umfrage (Emnid-Umfrage Politbarometer Sachsen) aus dem Jahr 2000 hielten es 73 % der Bürger im Freistaat für bedeutsam, dass der Gebrauch der sorbischen Sprache erhalten bleibt. Lediglich 7 % hielten das nicht für wichtig und jeder fünfte gab an, dass er dazu keine Meinung vertritt.

Im praktischen Alltag heißt dies, dass Förderung des sorbischen Volkes zum großen Teil auch Förderung der Toleranz gegenüber dem Gebrauch der sorbischen Sprache und ande­ren Werten der Sorben bedeutet. Dazu können folgende Maßnahmen bzw. Auffassungen wesentlich beitragen:

a)   Optimale Umsetzung der staatlichen Rahmenbedingungen in allen Verwaltungsebenen und Überwachung der Umsetzung durch die jeweiligen Parlamente und Organe

b)   Umfassende Information der Gesamtbevölkerung des sorbischen Siedlungsgebietes und des gesamten Freistaates über das sorbische Volk, seine Kultur und Traditionen


79

c)   Jegliche Förderung des sorbischen Volkes, z. B. bei der Kultur oder im Bildungswesen, muss in der Öffentlichkeit als Gleichstellung und nicht als Besserstellung verstanden wer­den. Durch den scheinbaren Vorteil der Förderung wird erst die Gleichstellung erreicht, da das sorbische Volk als Minderheit mit dem ständigen Nachteil der zahlenmäßigen Schwä­che leben muss.

d)   Die Schaffung von Rahmenbedingungen und die Förderung sorbischer Identität liegen entsprechend der Sächsischen Verfassung im Interesse des Freistaates Sachsen. Dabei ist wichtig, dass der Schutz und die Förderung sorbischer Sprache und Kultur von allen Bürgern des Freistaates Sachsen als Selbstverständlichkeit empfunden werden.

e)   Die gesamte ostsächsische Region sollte noch stärker erkennen, dass deren Attraktivität und Besonderheit stark von der Zweisprachigkeit und dem Neben- und Miteinander· zweier Kulturen geprägt ist, was durchaus als touristischer und wirtschaftsfördernder Standortvorteil gesehen werden kann. Dem sollte auch das äußere Erscheinungsbild stärker als bisher entsprechen; z. B. durch zweisprachige Beschriftungen, zweisprachige Werbung, Aufwertung der sorbischen Sprache in Schule und Öffentlichkeit, Mitverwen­dung der sorbischen Fahne und Hymne“

Verschiedene Projekte sorbischer Vereine und Einrichtungen dienten im zurückliegenden Berichtszeitraum dem Anliegen, Toleranz und Verständnis füreinander in besonderem Maße zu fördern:

Das bereits erläuterte WIT AJ-Projekt wird von sorbischen. und deutschen Eltern für ihre Kinder gern angenommen. Mittlerweile gibt es im Freistaat Sachsen mehr als zwanzig Kindertageseinrichtungen, die Kinder ab dem Kleinstkindalter vollständig oder in einzelnen Sprachgruppen nach der WITAJ-Methode an die sorbische Sprache he­ranführen und ihnen diese spielerisch vermitteln. Neben dem Erlernen der sorbischen und deutschen Sprache stehen dabei auch das Erlernen eines toleranten Umganges und das Ausprägen des Verständnisses für andere Menschen und Völker im Mittel­punkt der Erziehung.

Durch das WIT AJ-Projekt erleben sorbische Familien, dass Sorbisch auch im vorwie­gend deutschsprachigen Umfeld ernsthaft als Zweitsprache angenommen wird und demzufolge zukünftig auch als Umgangssprache angewandt werden kann. Die Wert­schätzung der sorbischen Sprache bei der deutschsprachigen Bevölkerung wächst mit


80

dem Wissen und der Erfahrung, dass die deutsch-sorbische Zweisprachigkeit vielfache kulturelle, geistig-kognitive und auch berufliche Vorteile mit sich bringt.

Seit Januar 2002 gibt die Redaktion der obersorbischen Abendzeitung „Serbske Nowi­ny“ eine monatliche Beilage in deutscher Sprache heraus. Diese dient der Information deutschsprachiger Bürger über spezifische sorbische Belange.

Durch die Präsenz der sorbischen Sprache auch im Medium Fernsehen wird die Be­deutung der sorbischen Sprache unterstrichen. Dies ist sowohl für die sorbische Bevöl­kerung selbst als auch für die deutschsprachigen Bürger bedeutsam.


 


81

2.11 Wahrung der Rechte der Sorben (Wenden) in der Niederlausitz und Zusammenarbeit zwischen dem Land Brandenburg ‚und dem Freistaat Sachsen in sorbischen Angele­genheiten

Die Sorben ,der Niederlausitz werden auch Wenden genannt. Deshalb wird im Land Bran­denburg offiziell die Doppelbezeichnung Sorben (Wenden) verwendet.

Sorbische (wendische) Angelegenheiten regelt das „Gesetz zur Ausgestaltung der Rechte der Sorben (Wenden) im Land Brandenburg“ vom 07.07.1994. Es nimmt Bezug auf Artikel 25 der Verfassung des Landes Brandenburg, der die grundlegenden Rechte fest­schreibt. Damit unterscheiden sich die Rahmenbedingungen für das sorbische Volk in beiden Ländern nur unerheblich. In mancher Hinsicht ist die Lage der Sorben in Brandenburg schwieriger, insbesondere weil die Zahl der Sorben (Wenden) geringer (geschätzt: 20.000) und die sprachliche Situation problematischer ist.

Die Räte für sorbische bzw. für sorbisch/wendische Angelegenheiten führen in der Regel halbjährlich gemeinsame Beratungen durch (siehe dazu 2.2.1).

Die Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Sachsen und dem Land Brandenburg in Bezug auf Angelegenheiten der“ Sorben vollzieht sich in großem Umfang in der gemeinsamen Arbeit in den Gremien der Stiftung für das sorbische Volk. Des Weiteren übt das für sorbische An­gelegenheiten zuständige Ressort im Freistaat Sachsen, das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, gemäß Art. 4 des Staatsvertrages über die Errichtung der „Stif­tung für das sorbische Volk“ die Rechtsaufsicht über die Stiftung für das sorbische Volk im Einvernehmen mit der für die Angelegenheiten der Sorben/Wenden zuständigen obersten Landesbehörde des Landes Brandenburg, dem dortigen Ministerium für Wissenschaft, For­schung und Kultur, aus.

Zwischen den für sorbische bzw. sorbisch/wendische Angelegenheiten der Länder zuständi­gen Ministerien wird eine gute Zusammenarbeit gepflegt. Die beiderseitige Zusammenarbeit ist im Sorben/Wenden-Gesetz des Landes Brandenburg und im Sächsischen Sorbengesetz (SächsSorbG) geregelt.

Im Cisinski-Preis-Kuratorium arbeitet jeweils ein Vertreter der für sorbische bzw. sor­bisch/wendische Angelegenheiten zuständigen Ministerien beider Länder mit.


,82

Das Land Brandenburg und der Freistaat Sachsen sind als juristische Personen Mitglieder des Trägervereins des Sorbischen Instituts e.V. in Bautzen. Im Kuratorium des Instituts ar­beiten Vertreter der beiden zuständigen Ministerien Brandenburgs und des Freistaates Sachsen mit.

Der Aufgabenbereich des Instituts für Sorabistik der Universität Leipzig umfasst auch Nie­dersorbisch als Sprache und die Niederlausitz als Forschungsgebiet. Per Verwaltungsver­einbarung zwischen dem Land Brandenburg und dem Freistaat Sachsen wurde die Beset­zung einer Stelle (50 Prozent) für niedersorbische Sprache am Institut für Sorabistik geregelt. In Leipzig werden Lehrer für die niedersorbische Sprache ausgebildet. Ebenso soll auch die Lehrerweiterbildung durch das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig abgesichert wer­den.

Im Gegensatz dazu erfolgen die Lehrerfortbildung und die Bildungsentwicklung nicht in ge­meinsamer Absprache.

Der kulturelle Austausch zwischen Sorben der Ober- und Niederlausitz wird durch die Stif­tung für das sorbische Volk, die Domowina eV. oder die betreffenden Einrichtungen aktiv unterstützt. Dies betrifft insbesondere:

– die Zuständigkeit des Domowina-Verlages GmbH Bautzen auch für niedersorbische litera­tur und die niedersorbische Wochenzeitung,

– die Einbeziehung niedersorbischer Folklore in das Repertoire des Sorbischen National­Ensembles GmbH Bautzen und dessen Auftritte in der Niederlausitz bzw. im Land Bran­denburg,

– Inszenierungen des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen in niedersorbischer (wen­discher) Sprache inkl. Auftritte in der Niederlausitz,

– die Zusammenarbeit der beiden sorbischen Museen in Bautzen und Cottbus

– die Arbeit des WITAJ-Sprachzentrums in Sachsen und Brandenburg.

Darüber hinaus arbeiten verschiedene sorbische Vereine länderübergreifend, so z. B. die Domowina e.V., der Sorbische Künstlerbund e.V. und der Sorbische Schulverein e.V.


83

            3.         Ausblick

Die staatliche Förderung entspricht dem politischen Willen, das sorbische Volk als autochto­ne Minderheit im Freistaat Sachen und damit auch in der Bundesrepublik Deutschland zu erhalten. Der rechtliche Rahmen für das sorbische Volk soll in Verbindung mit der Förderung eine solide Basis für die Zukunft und in vielerlei Hinsicht Ausdruck einer beispielhaften Min­derheitenpolitik sein.

Die Sächsische Staatsregierung ist sich jedoch bewusst, dass trotz der bisher geschaffenen Rahmenbedingungen zum Schutz und zur Förderung der sorbischen Minderheit auf breiter Ebene weitere Anstrengungen notwendig sind, um den Erhalt des sorbischen Volkes auch perspektivisch zu sichern.

Folgende Aufgaben zeichnen sich weiterhin ab:

– Novellierung des Abkommens zur gemeinsamen Finanzierung der Stiftung für das sorbi­sche Volk (siehe 1.4)

– Minderheitenartikel im Grundgesetz: Die Einbeziehung eines Minderheitenartikels in das Grundg“esetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein angemessener Anspruch der wenigen in Deutschland beheimateten ethnischen Minderheiten und Volksgruppen deutscher Staatsangehörigkeit, die zudem nur einen sehr geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen. Der Artikel würde eine klarere Rechtsgrundlage der Bundeszuständigkeit für das sorbische Volk schaffen. Im Rahmen der Novellierung des Grundgesetzes im Jahre 1993 hat sich der Freistaat Sachsen zusammen mit dem Land Brandenburg sehr für einen solchen Minderheitenartikel eingesetzt. Ein entsprechender Formulierungsvorschlag fand bisher nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit im Deutschen Bundestag.

– dauerhaft solide Ausstattung des Instituts für Sorabistik der Universität Leipzig

– das sorbische Schulwesen sollte verlässliche Rahmenbedingungen beibehalten, Veränderungen nur unter Einbeziehung aller Beteiligten vorgenommen werden (siehe Kapitel 2.4.2)


84

– aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in der Oberlausitz suchen viele sorbi­sche Jugendliche ihren Ausbildungs- bzw. ihren Arbeitsplatz außerhalb des sorbischen Siedlungsgebietes. Damit verbunden ist eine beschleunigte Assimilation der jungen sorbi­schen Generation. Die weiterhin notwendige wirtschaftliche Stärkung der Lausitz liegt somit im besonderen sorbischen Interesse.

– die Anwendung der sorbischen Sprache in der Öffentlichkeit ist eine wesentliche Voraus­setzung für ihren Erhalt. Die gesetzlichen Regelungen sind zwar vorhanden, jedoch ist die Anwendung der sorbischen Sprache in einigen Ämtern wegen fehlenden sorbisch sprachi­gen Personals in der öffentlichen Verwaltung nicht möglich. Um den sprachassimilatori­schen Druck wirksam zu kompensieren, sind bei der Stellenbesetzung hier sprachfördernde Maßnahmen notwendig, z. B. sollte die Zweisprachigkeit bei Stellenbesetzungen im sorbi­schen Siedlungsgebiet noch stärker als bisher berücksichtigt werden. Auch sind alle Maß­nahmen zu unterstützen, die sorbisch sprechende Schüler ermutigen, einen Beruf zu er­greifen, der die Weitergabe ihrer Sprache an die kommenden Generationen in der Oberlau­sitz fördert.

– die Wahrnehmung der Förderung der sorbischen Minderheit als Chance und Potenzial, die Zweisprachigkeit als Vorteil beim schulischen Fortschritt, die Funktion der Sorben als Bindeglied zu den Nachbarn Sachsens Polen und Tschechische Republik. Gerade in Sach­sen sollte ein Akzent gegen fremdenfeindliche und re?htsextreme Tendenzen gesetzt wer­den, indem der Gebrauch einer Minderheitensprache als selbstverständlich und berei­chernd angesehen wird

– Verbesserung in der (öffentlichen) Kommunikation zum Sinn und Zweck der Förderung der sorbischen Sprache und Kultur. Deren Förderung stellt keine Gabe und kein Privileg, sondern ein Recht dar, keine Besserstellung, sondern eine Gleichstellung.


 

••


85

Die Zukunft des sorbischen Volkes wird seit jeher skeptisch beurteilt, z. B. in der sorbischen Literatur der vorigen Jahrhunderte. Die Frage nach der Zukunft bleibt, wie dieser Bericht zeigt, nach wie vor aktuell. Die Sächsische Staatsregierung geht davon aus, dass die Zu­kunft des sorbischen Volkes durch den Willen der Sorben als Minderheit und den Willen der Mehrheitsbevölkerung gemeinsam entschieden wird. Die Angehörigen des sorbischen Vol­kes benötigen für den Fortbestand ihrer eigenen Identität im Alltag Verständnis und Hilfe von der sie umgebenden Mehrheitsbevölkerung. Die staatlichen Rahmenbedingungen in Verbin­dung mit der Förderung und der zweisprachigen schulischen Bildung gestatten es den An­gehörigen des sorbischen Volkes, sich frei als Sorbe zu bekennen, die sorbische Sprache, die Kultur und Traditionen zu pflegen und dies der heranwachsenden Generation weiterzu­vermitteln. Die Rahmenbedingungen verlangen sowohl von denjenigen, die sie setzten, als auch von denjenigen, die sie ausfüllen, große Anstrengungen und einen echten Willen zur Umsetzung der in den gesetzlichen Regelungen festgelegten Rechte und Pflichten.

Der Freistaat Sachsen stellt sich dieser Aufgabe.


86

Anhang

Bestehende WITAJ-Kindertaaesstätten und -Gruppen

(Stand: März 2008, aus: „Zehn Jahre Modellprojekt Witaj“ Broschüre des Sorbischen Schul­vereins eV., 2008))

WITAJ- und sorbische Kindertagesstätten in Trägerschaft des Sorbischen Schulvereins e.V.

 

Ort

Gruppen

Kinder

Träger

Dörgenhausen

2

26

Sorbischer Schulverein

Rohne

3

35

 

Malschwitz

3

39

 

Crostwitz

8

129

 

Ralbitz

6

118

 

Ostro (neu gergrün-

3

30

 

det 2006)

 

 

 

Quelle: Broschüre“ 1 0 Jahre Modellprojekt WIT AJ“ Sorbischer Schulverein 2008


 

6.

••

\


87

WITAJ-Gruppen anderer Träger

 

Ort

Gruppen

Kinder

Träger

Bautzen

5

71

Christlich Soziales Bildungswerk Sachsen

 

 

 

(CSB)

Bautzen

1

17

AWO

Königswarta

1

17

CSB

Muschelwitz

2

21

Gemeinde Göda

Neschwitz

1

20

DRK

Bergen

2

29

Gemeinde Elsterheide

Radibor

1

15

AWO

Panschwitz-Kuckau

2

36

CSB

Schwarzkollm

1

12

Stadt Hoyerswerda

Neustadt

1

13

Gemeinde Spreetal

Hochkirch

1

18

AWO

Quelle: Broschüre“ 1 0 Jahre Modellprojekt WIT AJ“ Sorbischer Schulverein 2008


 

 

 

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