Přećeljo štomow su woprawdźići přećeljo čłowjekow


Es gibt europäische Vogelschutzgebiete, Flora-Fauna-Habitat-Flächen (FFH), in denen sich die Pflanzen- und Tierwelt besonders entwickeln kann – beides ist bei uns in der Nähe zu finden. Das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft liegt gleichsam nebenan, und ganz nah ist ein Naturschutzgebiet, gewissermaßen nur einen Steinwurf entfernt. Deshalb haben sich bei uns im Sommer oft große Vogelschwärme aufgehalten, sie nahmen gern Platz auf einer monumentalen Weide.

Man sollte denken, dass allein schon die Europäische Vogelschutzrichtlinie – neben dem Bundesnaturschutzgesetz, das alte Bäume schützt – dafür sorgen sollte, dass diesen Vögeln ihre Stationen auf dem Weg zwischen den Vogelschutzgebieten erhalten bleiben. Vor allem dann, wenn es sich um eine Baumart handelt, die wunderbar zu der Feuchtwiese passt, die sich bis auf zwei Armlängen an den Stamm der Weide herantastet und die mitsamt ihren Fröschen und Kröten verlässlich von zwei Quellen gespeist wird. So war der Baum der letzte weithin sichtbare Zeuge einer ohnehin stark geschrumpften sumpfigen Landschaft, die dem Dorf Luga, sorbisch Łuh, seinen Namen gegeben hat:

http://de.wikipedia.org/wiki/Luga_(Neschwitz)

Die ganze Welt, vor allem die Deutschen, nicht nur die Politiker, reden über Klimaschutz. http://www.die-gruene-stadt.de hat am Beispiel einer hundertjährigen Buche die Wirkung eines Großbaumes vorgerechnet. Der von diesem einen Baum an einem Sonnentag produzierte Sauerstoff deckt den Bedarf von zehn Menschen, auf einer Blattfläche von 15.000 Quadratmetern findet Filterung und Reinigung der Luft statt. Die Lugaer Weide hätte wahrscheinlich noch höhere Werte erreicht, auf jeden Fall hat sie dafür gesorgt, dass es um sie herum auch an den heißesten Sommertagen erträglich blieb.

Doch es gibt bei uns keine Zivilgesellschaft, die die in der Klimadebatte und in europäischen Regel- und Gesetzeswerken verankerten großen ökologischen Grundwerte in die Landschaftsgestaltung vor Ort zu übersetzen hilft. Im Gegenteil, „fast das halbe Dorf“, wie Nachbarn hinterher berichteten, wirkte an der Zerlegung der Riesen-Weide binnen weniger Stunden mit, so dass sie in diesem Sommer für Klima, Vögel, die Menschen nicht nur in der Nachbarschaft und den Anblick unserer Gegend ersatzlos ausfällt. Und dies für immer, denn niemand von uns würde es erleben, wie ein Nachfolgebaum eine solche Größe erreicht. Für die genannte Buche müssten zweitausend junge Bäume gepflanzt werden, um ihren positiven Umwelteffekt zu erreichen – auf unseren Fall übertragen: Man müsste alle Felder bis zum Nachbarort mit Weiden bepflanzen …

Heute leben in Luga weniger Menschen als vor 130 Jahren – mit noch viel weniger Bäumen. Die demographische Entwicklung hat eben keinen positiven Nebeneffekt für die Umwelt, weil die Mentalität der Verbliebenen verkorkst ist. Früher pflanzte man für Kinder zusätzlich Bäume, heute schlägt eine Kleinstfamilie mit behördlicher Genehmigung erst mal alles kurz und klein, was grünen könnte, damit alles schön sauber ist. Der Bürgermeister interessiert sich weder für Klima, Vögel noch Lausitzer Landschaft und sieht „keine Veranlassung, den Bürger in seinen Rechten am Eigentum zu beschneiden“.

So wird ein einzigartiger Baum – eine Weide in dieser Größe habe ich überhaupt noch nirgendwo gesehen – zum Opfer von Eigentumsverschiebungen. Vor Jahrzehnten wurden ein sehr großes Grundstück am Dorfrand geteilt, seine von Groß- zur Kleinfamilie geschrumpfte Bewohnerschaft konnte mit dem riesigen Garten nichts mehr anfangen und verkaufte ungefähr ein Drittel an Nachbarn, die dort eine große Garage bauten und das Anwesen ansonsten als Gartengrundstück nutzten. Die Weide stand in der Ecke des Grundstücks und störte niemanden.

Sie müsste auch jetzt nicht stören, denn der neue Besitzer wird sein Haus am anderen Ende des Grundstücks bauen. Aber die Gemeindeverwaltung Neschwitz hat im Kopf bereits nach der Logik des noch gar nicht vom Landtag verabschiedeten schwarz-gelben Entwurfes „Gesetz zur Vereinfachung des Landesumweltrechts“ gehandelt, demzufolge „mit Wohnhäusern bebaute Grundstücke“ von kommunalen Baumschutzsatzungen ausgenommen werden sollen. Insofern zeigt das jähe Ende der Weide von Luga, was Sachsen bei Inkrafttreten dieses Gesetzes, über das das Parlament im März entscheidet, blüht: Kahlschlag.

Mein Vater hatte Bekannte, die in Italien – ich glaube, in Rom – eine alte Villa mit großem Garten übernommen hatten. Bedingung dafür war, dass mehrere über hundert Jahre alte Schildkröten auf dem Grundstück weiter ihre Heimat haben konnten. Das ist eine ebenso rührende wie überzeugende Lösung. Der Gemeinwohleffekt großer alter Bäume ist mit Sicherheit erheblich höher als das Vorhandensein von ein paar Schildkröten – warum kann nicht der Bau eines Hauses auf einem Grundstück mit der Verpflichtung verbunden werden, auch der alteingesessenen Natur, ohne deren Vorgeschichte es uns alle nicht geben würde, in Gestalt eines großen alten Baumes ihren Raum zu lassen?

Wie tief das Niveau der öffentlichen Debatte beim Umgang mit alten Bäumen gesunken ist, sieht man daran, dass ihre Verteidiger den freundlich-spöttischen Stempel „Baumfreunde“ bekommen. Dabei sind die Baumfreunde die wahren Menschenfreunde. Also: Pflanzt junge Bäume und lasst die alten stehen!

Wie Bäume dem Ordnungsfanatismus, dem sich auch Naturschutzbehörden unterwerfen, zum Opfer fallen:
http://www.lr-online.de/regionen/weisswasser/Die-Eichen-am-Uhyster-Kriegerdenkmal-werden-ersetzt;art13826,2838839#formular

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: