KAK SYM NA WUCHODŹE domiznu namakał (nowa strona – dotal njewozjewjeny němski tekst)


Sćěhowacy tekst sym w požnjencu lěta 2006 pisał – jako přinošk ke knize wo „domiznje PDS“, zběrce subjektiwnych dohladow do politiskeje strony, kiž je mjeztym přez fuziju z WASG sama jenož hišće dźěl zańdźenosće, wšako je nětk nowa strona z mjenom Lěwica, kotraž je – hlej na minjene wólby w zapadnych zwjazokowych krajach – porno wuchodnej stronje PDS dale a bóle cyłoněmska politiska móc. Jedyn z mojich kolegow je tónle knižny projekt planował a tohodla tež mje wo mój wid na so zminjacu stronu PDS prosył. Kak to w turbulentnych časach druhdy je, projekt je rjana ideja była – a wostała.

 

Tola po tym zo je njedawno tež nowa Sakska z połnolětnym krajom so stała, je najwjetši čas, moje cyle subjektiwne wróćohladanje na moje prěnje lěta po přewróće jako připućowar we wuchodźe do diskursa wo popřewrótnym času ćisnyć. W hrubym dźe w tutych linkach wo mojej prěnjej wuchodnej fazy – w Berlinje hač do lěta 1994. Jej je so přizamknyła druha faza dźesać lět w Drježdźanach, a nětk sym w třećej fazy próh do pjateho lěta we Łužicy přestupił. Prěni raz w žiwjenju sym takrjec awtochtony, kaž rěka po słowniku němski „bodenständig“.   

 

Tekst by dyrbjał kusk prowokacije być – w jadrje wo to dźe, zo njeje akceptabelny socializm ani ideologija ani hospodarski system, ale kultura wšědneho dnja. Snadź je to z tajkej kulturu tak kaž z legendarnej Republiku Schwarzenbergom, kotraž móžeše jenož w krótkim wotstawku mjez dwěmaj epochomaj eksistować. Woprawdźity socializm w tutym tule mjenowanym zmysle snano jenož mjez rozpadankami NDR a tawrnišćemi noweho systema móžno bě. PDS bě swětonahladny koncentrat tuteje utopije. W kajkej měrje budźe Lěwica – abo tež druhe strony – w běhu lět na to nawjazać, budźemy widźeć.     

 

Wie mich der Osten des Jahres 1991 zum Sozialismus verführte

 

Meine erste Berührung mit der PDS verdanke ich einer mit Schreibmaschine getippten und kopierten Einladung zu einem Seniorennachmittag, die Adresse meiner Redaktion war handschriftlich auf den Umschlag geschrieben. Juni 1991 in Magdeburg, ein gutes halbes Jahr nach Beitritt der DDR zur BRD, eine stickige Baracke am Rande der Innenstadt, wenige Stunden vor Redaktionsschluss der Wochenzeitung „Der Magdeburger“, für deren lokalpolitische Berichterstattung ich zuständig war, dazu gehörte ein Kasten mit Veranstaltungshinweisen. Da die PDS-Genossen in die größte Halle der Stadt einluden, also offenbar viele Menschen erwarteten, meldete mir mein innerer journalistischer Bedeutungsmesser „Wichtig“ und beförderte den PDS-Seniorentermin in alle Briefkästen der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt.

 

Ich hatte diese Partei bei der 90er Bundestagswahl in meiner damaligen Wahlheimat Würzburg nicht gewählt, weil freche Plakate mir als Wahlmotiv nicht ausreichen. Abschreckend kam hinzu, dass der PDS am unterfränkischen Main all die Linkssektierer und sonderbaren DKPisten zuströmten, die mir jahrelang in meiner realogrünen Kommunalpolitik auf die Nerven gegangen waren. Die mit den guten sozialistischen und bösen kapitalistischen Atomkraftwerken; die, die im Westen mit großen Protest-Lauscher-Ohren gegen die Volkszählung kämpften, aber den Sicherheitsapparat der DDR nicht erwähnenswert fanden; die, die gegen Ausbeutung der westdeutschen Arbeiterklasse kämpften und die Unzufriedenheit der ostdeutschen klein redeten.

 

Man war ja als Grüner einiges gewöhnt: Frauen, die Vorstandssitzungen mit dem Bekenntnis bereicherten, „aus politischen Gründen jetzt lesbisch“ zu sein; kettenrauchende Familienväter, die vor der Vergiftung der Kinder durch Autoabgase warnten; Super-Basisdemokraten, die jede Basisberatung im kleinsten Kreis der wichtigsten Funktionäre vorab verplanten. Aber PDS als Recycling von DKP und K-Gruppen – das musste ich nicht haben. Dass ich meine Grünen an den Nagel hängte, war purer Pragmatismus: Es gab sie damals faktisch im Osten nicht, und der wurde nun mal am 12.6.1991 mit dem Ausstieg aus dem Zug am Hauptbahnhof Magdeburg meine neue Heimat.

 

Ich bin Hanseat, Heimat ist für mich der Ort der Freiheit, also entweder mein geliebtes Hamburg oder eine andere Ecke des Landes, wo sich’s leben lässt. Wenn es sich nicht mehr leben lässt, ziehe ich weiter. Jedenfalls im Prinzip. Als jemand, der mittlerweile mit Frau im Haus auf dem Land lebt, kann ich meinen langjährigen Lebensrhythmus – statistisch alle 18 Monate eine neue Wohnung – nicht mehr durchhalten, aber vielleicht ziehen wir ja beide irgendwann nach Hamburg oder in die slowakische Provinz, wo Andy Warhol herkommt – da lässt es sich wahrscheinlich auch leben (auch wenn er wohl wusste, warum er da nicht geblieben ist).

 

Politische Heimat und  das Aufschlagen der Zelte an einem Ort sind für mich immer ein Gesamtkunstwerk. Als Jesuitenschüler im SPD-regierten Hamburg bin ich natürlich in die Junge Union und die CDU gegangen, weil das geradezu organisch selbstverständlich war, um alsbald festzustellen, dass die Jungen ein abscheulich gelackter Karrieristenverein und die Alten eine Zusammenrottung von Pfeffersäcken waren. Einfach wieder austreten ist aber zu plump, also wählte ich die Methode eines bekannten PDS-Ex-OB, nachdem ich Schülersprecher meines Gymnasiums geworden war und mich die Schülerunion gern als schwarzes Gegengewicht in der DKP-geführten Landesschülervertretung gesehen hätte: Ich steckte mein Parteibuch in die Schublade, bis es irgendwann ganz weg war. Sympathisant der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiung“ und CDU-Aktivist in einem, das ist ja auf Dauer irgendwie pervers.

 

Von den Grünen erlöste mich der Osten. Mit den Bürgerrechtlern hatte ich nichts am Hut. Bitte sehr, ich habe in der Wendezeit Solidarität mit dem Neuen Forum geübt, wir haben uns um demokratisch nutzbare Kopiertechnik in unserer DDR-Partnerstadt gekümmert. Das versteht sich ja von selbst. Aber irgendwann ist Schluss. Man kann ja auch als Absolvent einer katholischen Ordensschule, dem im Religionsunterricht mit drohendem Tonfall „Lüsterne Augen sind dem Herrn ein Gräuel!“ eingeschärft wurde, nicht jahrzehntelang den Papst für den Zustand des eigenen Liebeslebens verantwortlich machen.

 

Eine meiner hoch geschätzten Ost-Kolleginnen hat Jahre nach der Wende in der Blüte ihres Lebens den Verstand verloren, weil ihre Söhne von der Marktwirtschaft in alle Welt zerstreut wurden, die alten Freundschaftsnetze nicht mehr so eng waren und es daher leider niemandem auffiel, dass sie mit kollabiertem Gehirn zwei Tage hilflos in der Wohnung lag. Ist daran jetzt der Kapitalismus schuld, gehören die Bundesregierung und die Wirtschaftskapitäne auf die Anklagebank? Was ist mit meinem ehemaligen Magdeburger Kumpel, der 1991 noch witzelte, er sei in der DDR „leider nicht aus politischen Gründen mal im Knast gewesen“ und später im Suff seine kleine Familie zerlegte, weil er sich unter den neuen Bedingungen nicht nur auf der Straße prügelte?

 

Mein zweiter Sündenfall wider die political correctness der unmittelbaren Nachwendezeit war die Überschrift „Blockflöte tönt“ mit dazu gehörigem Text. Hatte es beim ersten Mal nur Stirnrunzeln der Kollegen gegeben, drohte es nun aus der örtlichen Geschäftswelt, man werde nicht mehr inserieren, wenn das mit der Kommunistenfreundlichkeit so weitergehe. Dabei war das inkriminierte Artikelchen ebenso banal wie zutreffend: Ein hoher CDU-Kommunalpolitiker hatte die Mitglieder der PDS-Stadtratsfraktion pauschal für den Zustand der Magdeburger Wohnungen verantwortlich gemacht, und eine der Angegriffenen erinnerte daraufhin den Herrn daran, dass er zu DDR-Zeiten selbst in führender Position der hiesigen Wohnungswirtschaft tätig war und auch auf politischer Ebene munter mitspielte. Das Allerschlimmste aber: Ich hatte mit der kessen PDS-Rätin telefoniert und sie zitiert, also „zu Wort kommen lassen“.

 

Das Problem löste sich nebenbei durch ein „Super!“-Angebot aus Berlin, und so konnte ich ein Vierteljahr, mal als Polizeireporter in Berlin, mal als Korrespondent in Magdeburg, Erfahrungen als Boulevardjournalist sammeln. Nun ist mein Kopf so gebaut, dass er mit Schmerzen auf Zumutungen reagiert, die ich mir dauerhaft nicht antun sollte, also ging ich zu der Zeitung, die ich mittlerweile täglich und gern las, zum „Neuen Deutschland“. Dort hielt ich es immerhin acht Jahre aus, ehe mich Peter Porsch nach Sachsen abwarb. Das war zum Jahreswechsel 2000, also gewissermaßen eine Millenniumsentscheidung…

  

Es gibt Stationen im Leben, die irgendwie aufeinander folgen, weil so alles am schönsten zusammen passt, und es gibt Entscheidungen. Nach Magdeburg zu gehen war so ein Schritt: Stellenanzeige in der Sonnabend-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Vorstellungsgespräch beim Verlag in Hamburg und einfach die Koffer packen.

 

Wirkliche Entscheidungen sind immer mit schweren Verlusten verbunden, jedes neue Leben hat seinen Preis. Man kann nicht das neue auskosten und das alte weiter genießen. Das gilt auch für die politische Heimat. Nur wer Abschied nimmt, vermag Zukunft zu erfinden. Natürlich mit Stil, schließlich soll die Vergangenheit nicht weggeworfen werden wie gefährlicher Sondermüll, sondern durch gelassene Erinnerung Verwertung finden für ein erfahrenes Fort-Schreiten. Die eigenen biografischen Denk-Male niederzuwalzen ist wiederum kein Fortschritt, sondern Barbarei.

 

In meinem Osten war die PDS von Anfang an zu Hause, weil sie in diesem Sinne den Job als SED-Nachfolgepartei machte. Sie machte ihn so gut, dass sie zum politischen Symbol des gewissen Unterschieds von Ost zu West wurde, weshalb ja auch bis zu ihrem nunmehr bevorstehenden Ende die überwältigende Mehrheit der Ostdeutschen stets und beharrlich die Meinung vertreten hat, dass es diese Partei geben muss. Für die Bürgerrechtler ist die PDS das Relikt der DDR, tatsächlich aber ist sie der sichtbarste Lebensbeweis eines Ostens, der sich von der DDR verabschiedet hat, um sich endlich richtig vom Westen emanzipieren zu können. Ohne „Überholen ohne einzuholen“ und ähnliche sinnlosen Appelle konnte nun eine unbeschwerte Ostidentität sprießen, die erst mal scheinbar nichts mit Politik zu tun hat.  

 

Mein Osten begann, wie damals bei Zuwanderern üblich, im illegalen Untermieter-Status. Ein-Raum-Wohnung, Plattenbau, Magdeburg-Neuolvenstedt, mit Blick auf die Straßenbahn-Trasse. Im Sommer roch es nach Kaffeeproduktion (gemütlich), im Winter nach Braunkohle (noch gemütlicher). Meine erste Begegnung mit dem jungen Pärchen von nebenan ergab sich durch mein Unvermögen, mit dem Schlüssel wieder in die Wohnung zu gelangen. Kurzerhand schraubten wir mit ihrem Werkzeug das Schloss meiner Wohnungstür heraus. So barrierefrei ist die Welt, in der Eigentum dem Alltagsgebrauch und nicht der Status-Demonstration dient. Solcherart Nutz-Besitz braucht man in Wohlstandsländern nicht wegzuschließen. Das entspannt ungemein, man fühlt sich sicher ohne Sicherheitsdienste.  

 

Der Besitzer meiner neuen Bleibe war ein herb parfümierter junger Arbeiter in Muskel-T-Shirt und knallengen, oberhalb der Knie abgeschnittenen Jeans,  der zu seiner Freundin gezogen war und daher seine eigene Bude nebst landestypischer Möblierung nicht mehr brauchte. Es gab also bei der Übergabe, die wir rauchend in der Küche vollzogen, nicht viel zu besprechen. Nur „wenn du auf der Couch nicht allein liegst, sondern mit ner Frau zugange bist, musst du aufpassen, dass die Couch nicht kippt“, warnte er mit viel sagenden Lächeln. Immerhin war das ein respektabler Grund, die Behausung einem Fremden zu überlassen und selbst den Unterschied der Geschlechter lieber im Doppelbett der Freundin auszuloten, wo die Räumlichkeiten dem Vernehmen nach großzügiger waren als in dieser Junggesellenbude.

 

Meine zweiten vier Wände in Magdeburger Platte waren immerhin zweiräumig, aber unmöbliert. Also musste zumindest ein Bett kurzfristig gekauft werden. Mein neuer Kumpel-Wohnungsbesitzer, ein stämmiger Ex-Boxer mit zarter Freundin, der was gegen Schwule hatte, aber zu seinen bisexuellen Neigungen stand („ich bin meiner Freundin treu, aber ab und an ein Bengel, das gehört dazu“) stellte das Auto zur Verfügung, einen alten Lada, den er sich vom Schrottplatz geholt hatte. Der Motor setzte gelegentlich aus, was nicht weiter störte, die Karre war eh nicht behördlich zugelassen, erfüllte aber ihren Zweck. Mein Boxer-Kumpel diente mir seinerzeit als Recherche-Gehilfe – er hatte dank Arbeitslosigkeit viel Zeit – und manchmal als Fahrer, der, wie ich damals auch, keinen Führerschein hatte, aber im Gegensatz zu mir fahren konnte.

 

Seine Freundin, die auf Nummer sicher ging und meistens mitfuhr, weil sie in mir den potenziellen Lover ihrer besseren Hälfte sah, musste sich immer mit einer Hand am Griff oberhalb des Seitenfensters festhalten und mit der anderen am Handschuhfach abstützen, da der Beifahrersitz längst seine Bodenhaftung eingebüßt hatte und im Auto hin und her rutschte. Mein erstes richtiges Ost-Bett war breit und unkippbar, ein Schaumstoffklotz in Leopardenfarben, eine konsequente Absage an den bürgerlichen Geschmack. Die Entscheidung fiel einstimmig, was wichtig war, denn nach meinem Wegzug aus Magdeburg ging das Teil in den Besitz der beiden über, also doch eine Lebensinvestition, und das für weniger als fünfhundert Mark.

 

Die Montage waren immer 20-Stunden-Tage, da Redaktionsschluss und Layout-Bastelstunden in großer Runde bis tief in die Nacht auf dem Plan standen. Danach begaben wir uns mangels geöffneter Kneipen ins Häuschen der Geliebten eines leitenden Verlagsmenschen, die den West-Zuwanderer zur Begrüßung aufklärte, hier sei weder DDR noch Westen, sondern „Ostzone“. Jawohl, man habe es nun geschafft, „Ostzone“ zu sein. Sie sagte das ganz selbstbewusst, mit trotzigem Unterton. Meist wurde viel geredet und noch mehr getrunken, und ich hatte dann meine liebe Not, im Morgengrauen von Alt- nach Neuolvenstedt zu gelangen. Manchmal winkte mir das Glück und ich fuhr ein Stück des Weges bei der Müllabfuhr mit, da die Müllmänner Gefallen daran fanden, nebenbei Taxi zu spielen. Unterwegs konnten die neuesten Errungenschaften des Viertels besichtigt werden: Eine altehrwürdige deutsche Bank hatte eine Container-Filiale aufgestellt, und die Quote der Trabbis und Wartburgs am geparkten Fahrzeugbestand fiel allmählich Richtung 50 Prozent…

 

Beim ND ging das kollektive Feiern weiter. Geburtstage, neue Wohnung, neues Auto, neue Couchgarnitur, man findet fast täglich einen guten Vorwand, gemeinsam „Goldkrone“ oder andere zweifelhafte Köstlichkeiten zu schlürfen, wenn man nur will. Und wenn partout niemandem etwas eingefallen war, konnte man kurz vor Redaktionsschluss noch in den Großraum gehen und der netten Kollegin beim Umschreiben unverständlicher Korrespondentenberichte helfen. Das Redigieren gewann in den allerletzten Minuten rasant an Gewitztheit, dank des Hochprozentigen im Schränkchen unter dem Schreibtisch, während in der halb geöffneten Schublade die Zigaretten glimmten, schließlich herrschte im Großraum absolutes Rauchverbot, das der damalige Chef vom Dienst durch unsere Vorsichtsmaßnahmen eingehalten sah…

 

Gewohnt habe ich damals im Scheunenviertel in Berlin-Mitte, in der möblierten Wohnung eines ehemaligen Kripomanns. Sie verfügte sogar über ein Telefon, für einen Journalisten ein unschätzbarer Vorteil, zumal die damals noch kofferförmigen Funktelefone gern im entscheidenden Moment ihren Dienst versagten – und ein Hochbett. Es drohte zwar beim Liebesspiel nicht zu kippen wie die Couch in meiner ersten Ostwohnung, dafür lief man Gefahr, sich den Hals zu brechen, wie eine Dame aus der Berliner Journalistenszene, deren Namen ich hier aus Rücksicht auf  ihre inzwischen mit einem bürgerlichen Menschen geschlossene Ehe und ihre gemeinsamen Kinder verschweige, zutreffend anmerkte. Der eigentliche Wohnungsbesitzer legte sich daher vorwiegend nur in die große Badewanne und übernachtete lieber in der Wohnung seiner damaligen Freundin.  

 

Magdeburg-Neuolvenstedt 1991 blieb aber unschlagbar. Die einzige intakte Gastronomie betrieb ein mittelalterliches Schwulenpärchen, an dessen Bar sich die pubertierenden Burschen gern mit ihrem Mädchen platzierten. Der Heimweg um halb zwei Uhr früh führte durch eine unwirklich anmutende Welt. Die DDR hatte es noch geschafft, die Wohnblocks zu bauen, doch dazwischen regierte weitgehende Öde, Sand fast wie in einer flachen Dünenlandschaft, hier und da ein abgewrackter Trabant. Das Verrückteste aber waren die jungen Frauen, die nichts dabei fanden, allein mitten in der Nacht von  irgendeiner fernen Bushaltestelle quer durch die spärlich beleuchtete Öde Richtung Wohnung zu laufen, und die die fröhlich hergerufenen Anzüglichkeiten bierseliger Burschen ebenso fröhlich wie souverän konterten.

 

Damals kam mir der Gedanke in den Sinn, dass hier vielleicht einer der wenigen Plätze auf der Welt ist, wo der Jahrtausende währende Geschlechterkampf durchs Geschlechterspiel abgelöst worden ist, wozu auch gehört, selbst zu bestimmen, wo, wann und wie lange man mitspielt. Also ein Hoch auf die hohen Scheidungszahlen der verblichenen Deutschen Demokratischen! Wahrscheinlich nähert man sich auch 15 Jahre später der gesellschaftlichen Wahrheit des Ostens an, wenn man die überraschende Vermehrung der Zahl der Bedarfsgemeinschaften im Hartz-IV-Reich durch Spaltung derselben nicht mit plumpen Betrugsmanövern erklärt, sondern der Flucht der Paare aus der ihnen aufgenötigten alt-neuen Geschlechterkampf-Ordnung, wo die eine dem anderen ausgeliefert ist. 

 

Diese wenigen persönlichen Impressionen aus der Ostzone von 1991, der Zeit, in der sich das Überleben der PDS kulturell entschied, ohne dass sie es bereits politisch wusste, werfen für mich bis heute Schlaglichter auf das, was das Wesen und die Substanz des Phänomens PDS ausmacht. Eine Partei ist ja eigentlich nichts anderes als die organisierte Projektion der Vorstellungen vieler Menschen vom guten Leben auf eine Gruppe gewählter Akteure, die in ihrer Gesamtheit diese Ideen verkörpern und der Gesellschaft möglichst viel Raum und Zeit für das gemeinsame gute Leben in diesem Sinne abtrotzen. Das ist übrigens systemunabhängig, denn natürlich gab es auch in der DDR Spießbürgerliches, Verkämpftes, mit dem das kollektiv Spielerische einen ständigen Konflikt hatte. So habe ich das jedenfalls schon 1988 bei wiederholten Besuchen in der noch „richtigen“ DDR wahrgenommen. Und deshalb sind Programme immer etwas Nachholendes, sie bringen das auf den Punkt, was sich vorher schon im Leben manifestiert hat. Andernfalls handelt es sich nicht um Programmatik, sondern Dogmatik.

 

Der soziale Kern des Phänomens PDS ist also aus meiner Sicht:

  1. das von der Macht-, Besitz- und Statusfrage befreite Geschlechterspiel, also die wahre Liebe in zwangloser irdischer Körperlichkeit;
  2. der Vorrang der Lebenskomfort vermittelnden unbeschwerten Güter-Nutzung vor einer besitzbürgerlichen Eigentümelei, die über kurz oder lang die Welt immer in Gutsherren und Habenichtse teilt;
  3. das regelmäßige zweckfreie Feiern der Zusammengehörigkeit, deren Basis die sozusagen natürliche wechselseitige Anteilnahme ist;
  4. das allgegenwärtige Bewusstsein, dass auf der Welt alles mit allem zusammenhängt und die Menschheit erst dann in ein friedliches Gleichgewicht eintreten kann, wenn nicht mehr das bessere Leben der einen zum schlechteren der anderen führt;
  5. die unbedingte Distanz zu allen Wahrheitsansprüchen, die sich dem Test in der Praxis entziehen;
  6. das Wissen um den Sinn des (auch eigenen) Scheiterns als Voraussetzung für schöpferische Neuaufbrüche;
  7. die kultivierte Gelassenheit gegenüber der Unmöglichkeit, das ganze Dasein auf die eine erlösende Formel zu bringen und damit einhergehend brüderliche bzw. schwesterliche Toleranz gegenüber vermeintlichen oder tatsächlichen Irrtümern der Genossinnen und Genossen.

 

Natürlich sind sieben Punkte herausgekommen. So viel Magie muss sein, schließlich geht es um einen Mythos, oder?   

 

Marcel Braumann

 

PS.: Im ganzen Text kommt das Wort „Sozialismus“ kein einziges Mal vor, war die Überschrift also nur ein Gag? Keineswegs. Es ist vielmehr so, dass in den rund 2.500 Wörtern des Beitrags von überhaupt nichts anderem als Sozialismus die Rede ist, genauer gesagt: von sozialistischer Gesellschaft. Nur die kann verführerisch sein…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: